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Das aufregende Großstadtleben in London oder doch lieber die idyllische Hügellandschaft der Cotswolds? Vielleicht studierst du an der renommierten Universität von Oxford? Oder zieht es dich eher in den Norden, wo Edinburgh und die Highlands auf dich warten? Vielleicht schlägt dein Herz für das Landleben, während du dich gleichzeitig nach Meer und Wellenreiten sehnst? In diesem Fall bist du auf der Gower-Halbinsel in Wales genau richtig.
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in the cracks of new year's eve we might discover some deepness in this marriage
[private Szene & feste Postreihenfolge]
Datum
01.01.2024
Tageszeit
früher Morgen
Ort
Villa der Duffys
56 Jahre
medizinischer Leiter & Allgemeinchirurg
verheiratet (heterosexuell)
römisch-katholisch
6 Posts
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Filou
01.01.2024, früher Morgen
Villa der Duffys
Das neue Jahr startete ohne große Überraschungen. Die Party war wie erwartet, die Duffys charmant wie immer, das perfekte Paar, das so mancher beneidete. Es hatte Smalltalk bis zur Perfektion gegeben, Canapées zum Niederknien, eine sich dezent ins Ambiente einfügende Liveband und natürlich einen guten Zweck, für den man spenden und sich darin suhlen konnte, mit dieser Zusammenkunft auch noch etwas Gutes getan zu haben, auch wenn die Ausgaben für die Party die Spendensumme wahrscheinlich um ein vielfaches übertrafen. Denn, wenn man mal ehrlich war, dann ging es hier doch eher ums Feiern, um Dekadenz, ums Sehen und Gesehen werden. Wer in Kreisen wie diesen verkehrte, musste eine ganze Reihe an Regeln einhalten, und die Duffys verstanden dies wie kaum ein anderes Paar. Zum Jahreswechsel präsentierte der Organisateur der Party eine beeindruckende Drohnen-Lichtershow, die Tier- und Umwelt wurden also von der lauten Knallerei, die es sonst üblicherweise gab, verschont, und so stieg man schließlich zur gewohnten Uhrzeit, zu der man auch sonst derartige Veranstaltungen verließ, in seine Luxuskarosse und machte sich auf den Weg nach Hause.
Während der Fahrt gab sich das Ehepaar einträchtigem Schweigen hin, während der Uhrzeiger sich der vier näherte und eine bleiernde Müdigkeit wie die Dunkelheit der Nacht sich gleichermaßen um den Wagen zu legen schien. Graham hielt das Lenkrad mit gewohnter Sicherheit in beiden Händen; er war ein ruhiger Fahrer, hatte die Straße fest im Blick, immerhin wusste er nur zu Genüge, wie Neujahrsunfälle auf dem OP-Tisch aussehen konnten, wenn man Nachlässigkeit im Straßenverkehr walten ließ. Gedanklich noch bei dem ein oder anderen Gespräch des Abends, hörte er mit halbem Ohr dem Nachrichtensender zu, der leise im Radio lief. Das leise Rascheln von Evelines Kleid gesellte sich hier und da zur Geräuschkulisse im Wagen dazu, ansonsten unterbrach lediglich ein Hirsch auf der Straße, den er aber frühzeitig entdeckte und ihm entspannt auswich, die Ereignislosigkeit der Heimfahrt.

Vierzig Minuten nach Abfahrt lenkte Graham den Wagen auf die Zufahrt, die bereits zu ihrem Grundstück gehörte. Fünfzig Meter später, nachdem sich das schmeideeiserne Tor leise ruckelnd hinter ihnen geschlossen hatte und ihn daran erinnerte, für die Reparatur mal jemanden kommen zu lassen, parkte er den Wagen in dem kleinen Rondell so, dass Eveline die kürzestmögliche Strecke vom Wagen bis zum Haus zurücklegen musste. Zwar hatte sie einen Mantel, aber die Luft war schneidend kalt und ihre Füße in den hohen Schuhen mit Sicherheit müde vom Abend. Er stellte den Motor ab, ging wie üblich um den Wagen herum und öffnete ihr die Tür, ehe er ihr seine Hand anbot, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Beim Anblick seiner atemberaubend schönen Frau, die sich grazil aus dem Auto erhob, legte sich unwillkürlich ein Lächeln auf seine Lippen. "Wusstest du eigentlich, dass Lady Elouise sich auch für das Kleid interessiert hat? Ihr Mann hat es nicht ausdrücklich gesagt, aber ich glaube, sie war ziemlich angesäuert, dass du es ihr quasi vor der Nase weggeschnappt hast", durchbrach er die lange Phase der Stille zwischen ihnen. "Na ja, dir steht es ohnehin viel besser." Eveline war allein schon aufgrund ihrer Haarfarbe ein absoluter Hingucker, doch heute Abend hatte sie sich mal wieder selbst übertroffen; von ihrem dezenten Make-Up bis zur exquisiten Auswahl ihres Schmucks sowie ihrer Accessoires war sie heute Abend mal wieder eine Frau gewesen, die die Blicke vieler auf sich gezogen hatte. Natürlich hatte sie noch mehr zu bieten als das, sie war ganz wunderbar darin, in Konversationen einzutauchen und diese bei Bedarf zu lenken; Graham wusste, dass es kaum jemanden gab, der sich nicht gern mit ihr unterhielt. Bis auf Lady Elouise möglicherweise, zumindest heute Abend, da sie sich mit der zweiten Wahl in Bezug auf ihr Kleid hatte zufrieden geben müssen. Graham kannte Evelines Alternative, und sie hätte ihr ebenso gut gestanden, aber in diesem schwarzen, trägerlosen Kleid wirkte sie wie eine sinnliche und zugleich starke Persönlichkeit. Kein Wunder also, dass Nigel Longbottom immer wieder um sie herumgeschlichen war in der Hoffnung, ihr einen Tanz oder zumindest ein Gespräch abzuluchsen, doch da Graham wusste, wie wenig Wert seine Frau auf den leicht übergriffigen Milliardär legte, war er ihr an diesem Abend kaum von der Seite gewichen. Nicht, dass Eveline nicht auch gut allein ihre Grenzen kommunizieren konnte, doch allein die Anwesenheit ihres Mannes hatte ausgereicht, um Longbottom fernzuhalten. Sehr zum Leidwesen der Tochter von Frederic und Olive McDougall, der Longbottom dann stattdessen beim langsamen Walzer auf die Füße gelatscht war.

Gemeinsam erklommen die Duffys die wenigen Stufen zu ihrer Haustür. Graham hatte den Schlüssel bereits in der Hand und ließ die Tür aufspringen, ehe er wie gewohnt Eveline zuerst eintreten ließ und ihr folgte, die Tür hinter ihnen schließend. Er deaktivierte die Alarmanlage, ehe diese ein stilles Signal an diezuständige Sicherheitsfirma absetzte, und streckte dann wartend die Hände aus, um Eveline ihren Mantel abzunehmen. Der kurze Weg von der Wärme des Autos bis in die Geborgenheit des Hauses hatte ausgereicht, um seine Wangen leicht zu röten; das brachten die vorherrschenden Minusgrade unweigerlich mit sich. "Dein Mantel, Darling", bat er sie sanft, den oberflächlichen Kosenamen verwendend, der absolut nichts bedeutete, auf Partys wie heute aber oft zu verzückten Blicken führte. Fast so, als bedeute er, wie besonders glücklich und beneidenswert sie waren, aber es konnte auch niemand ahnen, wie hohl und leer die Ehe der Duffys in ihrem Kern eigentlich war. In beiderseitigem Einvernehmen, wohl gemerkt, aber dennoch wohl nicht ganz das, was man vermutete, wenn man die beiden mit einer Mischung aus Neid und Freude beobachtete.
48 Jahre
Architektin
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Isi
01.01.2024, früher Morgen
Villa der Duffys
Happy New Year... or so! | Das neue Jahr begann für Eveline so, wie sie es erwartet hatte: glatt, kontrolliert, ohne nennenswerte Reibung. Allenfalls mit einem Glas Champagner zu viel und einer für ihren Geschmack überambitionierten veganen Auswahl bei den Canapés. Für die Umwelt, für das Tierwohl, für das gute Gewissen. Die Party lieferte exakt das, was man in diesen Kreisen erwartete, und nichts darüber hinaus. Mit jeder fortschreitenden Stunde saßen die Geldbeutel der Feiernden lockerer, das Eigenlob dafür wurde spürbar lauter. Eveline registrierte beides, ohne sich davon berühren zu lassen. Sie bewegte sich sicher durch den Abend, kannte die Choreografie, wusste, wann Graham neben ihr stand und wann er einen Schritt zurücktrat, wann sein Blick den ihren suchte – für einen stillen Austausch, den sie hinter verschlossenen Türen nicht pflegten. Er war aufmerksam gewesen, nicht aus Sorge, sondern aus Gewohnheit. Graham liebte Ordnung. Eveline liebte sie ebenfalls. Und so störte sie sich nicht an der einstudierten, inzwischen beinahe perfektionierten Farce, die ihre Ehe nun einmal war. Sie funktionierte. Das genügte.
Als Architektin wusste Eveline, dass diese Kreise Regeln hatten. Ungeschriebene, aber umso verbindlichere. Man sprach über das Richtige, zeigte Interesse im angemessenen Maß, blieb nah genug, um relevant zu sein, und distanziert genug, um sich nicht zu exponieren. Die Duffys beherrschten dieses Spiel. Sie wussten, wann sie gemeinsam auftraten, wann sie sich voneinander lösten, wann ein Lächeln genügte und wann Schweigen wirkungsvoller war. Der Jahreswechsel selbst geriet zu einem wohlinszenierten Höhepunkt. Die Drohnen-Lichtershow zeichnete Tier- und Naturmotive in den Himmel, sogar einmal die schottische Flagge – modern, beeindruckend, frei von Lärm und Rücksichtslosigkeit. Eveline betrachtete das Schauspiel mit ruhiger Aufmerksamkeit. Es war ästhetisch, durchdacht, kontrolliert – Eigenschaften, die sie schätzte. Dass dabei Umwelt und Tiere verschont blieben, wirkte fast wie ein zusätzliches Gütesiegel, ein weiterer Beweis dafür, dass man hier auf der richtigen Seite stand. Und wer daran zweifelte, konnte das Checkheft mit der Spende jederzeit in Augenschein nehmen. Der perfekte Zeitpunkt, sich zu verabschieden.

Die Heimfahrt verlief in gleichmäßigem Tempo. Graham fuhr konzentriert, wie immer, beide Hände am Lenkrad. Eveline beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Sie kannte diese Haltung, die kleinen Korrekturen, die ruhige Selbstverständlichkeit. Sicherheit zeigte sich bei ihm nicht in Worten, sondern in Bewegung. Sie lehnte sich zurück, ließ den Abend nachhallen, ohne ihm Bedeutung zu geben. Zuhause angekommen, fügten sich die Abläufe nahtlos aneinander. Das Tor, das sich schloss. Der kurze Weg über den Kies zur Haustür. Wie er erst seine Hand, dann seinen Arm zur Hilfe anbot. Als er das Kleid erwähnte, hörte sie den Unterton sofort. Kein Besitzanspruch, eher Zufriedenheit. Eveline reagierte mit einem Lächeln und einem kurzen Nicken. „Es ist gut geschnitten“, sagte sie. „Mehr nicht.“ Sie ließ einen Moment verstreichen, als prüfe sie innerlich, ob die Information irgendeine Relevanz besaß. Dann hob sie leicht die Schultern. Dass Lady Elouise mit ihren betagten vierundsiebzig Jahren ein solches Kleid hatte tragen wollen, erschien ihr seltsam, doch sie behielt den Gedanken für sich. Sie wusste natürlich um die Blicke, die ihr gern durch einen Raum folgten, hatte sie während des Abends wahrgenommen und ebenso routiniert beiseitegeschoben. Aufmerksamkeit war kalkulierbar. Nigel Longbottom gehörte in dieselbe Kategorie wie überlaute Gespräche über politische Überzeugungen oder zu feste Händedrücke – etwas, das man manövrierte, nicht weiter kommentierte.

Sie wartete, bis Graham die Tür aufschloss, trat wie gewohnt vor ihm ins Haus und überließ ihm die Alarmanlage, während sie weiter in den Flur ging. Die Lichter sprangen dank der Smarthome-Funktion automatisch an, als sie sich zur Garderobe wandte – und mitten in der Bewegung innehielt. Ihre hellgrünen Augen hatten etwas erfasst, das ihrer Meinung nach nicht stimmen konnte. Etwas, das als sie das Haus verlassen hatten, ganz sicher noch nicht da gewesen war. Ein feiner Riss zog sich durch die Wand neben dem Einbauschrank, schräg, unscheinbar, aber eindeutig. Eveline trat näher, betrachtete ihn aus verschiedenen Winkeln, legte den Kopf leicht schief. Ein Riss bedeutete Bewegung. Bewegung bedeutete Instabilität. Für einen Moment sagte sie nichts. Ihr Atem blieb ruhig, doch innerlich zog sich etwas zusammen. Das Haus war ihr System. Ihr Halt. Sie hatte jede Veränderung bedacht, jede Linie geplant. Das hier war nicht vorgesehen. Grahams Frage nach ihrem Mantel registrierte sie nicht einmal, während sie den Schaden weiter begutachtete.
„Hast du das schon gesehen?“ fragte sie schließlich leise, ohne den Blick von der Wand zu lösen. Sie spürte, wie Graham hinter ihr stehen blieb. Sie ahnte, was er dachte. Vermutlich Setzung. Altbau. Harmlos. Eveline wusste das auch. Und doch blieb ihr Blick an der Wand hängen, länger als nötig. „Wir haben doch irgendwo noch Spachtelmasse“, sagte sie nach einem Moment. Kein Fragezeichen in der Stimme, eher eine Feststellung. Etwas, das man erledigen konnte. Beheben. Glätten. Und zwar sofort. Sie nickte, als hätte sie eine Antwort erhalten, die sie bereits kannte. Ihr Körper reagierte schneller als ihr Verstand. Ein kurzer Druck im Brustkorb, ein flüchtiges Gefühl von Unruhe, das sie sofort wieder einfing. Dr. Fraser kam ihr in den Sinn. Ein Satz über Stabilität und den Preis, den sie koste. Eveline ließ ihn nicht zu Ende denken, sondern setzte sich wieder in Bewegung. Der Tüll ihres Kleides raschelte leise, als sie durch den Flur in Richtung der Kellertür eilte. Die Panik die sie spürte, wirkte wie ein Raum, der sich schloss, ohne dass man wusste, wo der Ausgang lag.
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01.01.2024, früher Morgen
Villa der Duffys
Sie waren wie ein Tanzpaar bei solchen Veranstaltungen. Aufeinander eingespielt, die Choreographie blind beherrschend. Schon bei ihrem Kennenlernen auf der Hochzeit eines befreundeten Paares hatten sie mühelos einen gemeinsamen Rhythmus gefunden, hatten im Smalltalk festgestellt, dass sie beide, was die Ehe anbelangte, sehr ähnliche Ansichten und Werte vertraten, und so war es ihnen beiden nur logisch erschienen, diesen besonderen Bund miteinander einzugehen. Graham hatte sich zu diesem Zeitpunkt nach Ruhe gesehnt, nach Stabilität. Danach, nicht allein zu sein und sich gleichzeitig nicht eingeengt zu fühlen. Graham mochte Hochzeiten, nur deshalb war er überhaupt zum fünften Mal verheiratet, aber an ein happily ever after glaubte er schon lange nicht mehr. Vier Ehen hatte er auf der Basis von Leidenschaft und gegenseitiger Anziehung geschlossen, keine hatte sonderlich lange gehalten. Diese hier war anders, sie basierte auf Vernunft und darauf, miteinander das Leben zu teilen, ohne allzu tief einzutauchen. Ihre Gespräche blieben angenehm an der Oberfläche, was dazu führte, dass es so gut wie nie Streit gab. Diese Ehe war einfach angenehm, man musste nicht viel geben und erhielt genug, um sich in dieser Verbindung glücklich zu schätzen. So empfand Graham das zumindest.
Natürlich hegte er eine gewisse Sympathie für Eveline. Sie war charmant, strukturiert, klug und wortgewandt. Dass sie umwerfend aussah mit ihren scharfgeschnittenen Konturen, ihrer schlanken Figur und ihrem unglaublichen Haar, das waren nur zusätzliche Bonuspunkte. Graham fühlte sich wohl in ihrer Gegenwart. Sie stellte keine Erwartungen an ihn, sie war einfach da, und das Reden war mit ihr genauso angenehm wie das Schweigen, was seiner Meinung nach viel wert war.
Nur von Schmetterlingen, von sehnsuchtsvollen Küssen oder Einblicke in die Seele des anderen, so etwas gab es bei ihnen nicht. Doch Graham hätte es gar nicht anders haben wollen. Das letzte, was er brauchte, war noch eine Ehefrau, die zuhause mit angesäuertem Gesichtsausdruck auf ihn wartete, wenn er mal wieder Überstunden schob.

"Da muss ich dir aber widersprechen ", erwiderte er entschieden. "Es ist nicht nur der Schnitt. Der beste Schnitt bringt nichts, wenn Figur und Haltung nicht dazupassen. Du hast heute Abend so einige Blicke auf dich gezogen." Was seiner Meinung nach nicht nur an dem Kleid gelegen hatte. Ja, sie sah wunderschön aus, keine Frage, ihr Genpool war äußerst vorteilhaft. Doch ihre Aura war es, die die Leute in ihren Bann zog. Ihr Charme, ihr Lachen, die Art, wie sie einen aufmerksam ansah, wenn man mit ihr plauderte. Graham genoss es immer sehr, sie beim Smalltalk zu beobachten; zu sehen, wie sie ihre Magie ausübte und andere Menschen, ob Männer oder Frauen, ihr mit Faszination begegneten und sich ihrem Bann kaum entziehen konnten. Dass er dabei derjenige war, der ihre Hand hielt oder den Arm sanft um ihre Taille legen konnte, erfüllte ihn mit Stolz und einer tiefen Zufriedenheit, die sich in einem Lächeln zeigten, das andere oft als tiefe Zuneigung missverstanden. Graham klärte den Irrtum nie auf, warum auch, es brauchte niemand zu wissen, wie es hinter der Fassade der Duffy-schen Ehe aussah. Das ging nur Eveline und ihn etwas an.
Während Graham auf das Aushändigen ihres Mantels wartete, überlegte er, ob er direkt ins Bett gehen oder noch eine warme Milch mit Honig trinken sollte. Ja, verdammt, er war der festen Überzeugung, dass ihm dieses Getränk beim Einschlafen half. Es beruhigte seine Gedanken, so kam es ihm zumindest vor, und dass er schon zackig auf sie sechzig zusteuerte, änderte daran nichts. Ein Mann war nie zu alt für seine Milch, wer etwas anderes behauptete, der hatte keine Ahnung.

Erst, als Eveline ihn ansprach, realisierte er, dass er noch immer auf den Mantel wartete. "Hm? Was gesehen?" fragte er zerstreut und trat näher an sie heran, um mit seinen Augen ihrem Blick folgen zu können. Ein kleiner, feiner Riss hatte sich in der Wand gebildet. War der vorhin schon da gewesen? "Das ist mir bisher nicht aufgefallen." Da würde er wohl neben jemandem für das Tor auch jemanden für diesen Makel bestellen. Kein Problem, das würde er direkt morgen früh tun. Gedanklich wollte er sich schon wieder der Milch-oder-nicht-Milch-Frage zuwenden, als seine Frau von Spachtelmasse sprach. Irritiert zogen sich Grahams Augenbrauen zusammen, und es dauerte einen Augenblick, ehe ihm ins Bewusstsein drang, wie angestrengt die Rothaarige klang. Eveline eilte davon, und Graham sah ihr verständnislos hinterher. Der Riss schien sie regelrecht zu beunruhigen, aber warum? Tja, das könnte man vielleicht wissen, wenn man sich tiefgründiger mit einer Person auseinandersetzte, doch Graham hatte diesen Weg nicht gewählt, und so blieb ihm nur, Eveline zu folgen. An der Tür zur Kellertreppe hatte er sie eingeholt und hielt sie auf, in dem er sanft ihr Handgelenk mit seinen Fingern umschloss und sie leicht zurückzog, sodass sie stehenbleiben musste. "Warte", bat er sie ruhig. "Du willst doch mit den Schuhen und dem Kleid nicht die Treppe hinuntergehen, du verstauchst dir ja noch den Fuß." Fragend sah er sie an, leichte Besorgnis in seinem Blick, aber noch immer wirkte er tiefenentspannt. Kunststück, als Chirurg war er nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Eveline war vielleicht nur übermüdet und gehörte ins Bett, morgen würde sie vermutlich darüber schmunzeln, dass sie jetzt anscheinend vorhatte, den Riss selbst zu kitten. Mitten in der Nacht. In hohen Absätzen und einem Abendkleid, das eine mittlere vierstellige Summe gekostet hatte.

Der erhöhte Puls unter seinen Fingern, die noch immer ihr Handgelenk umschlossen, entging ihm als Arzt nicht. Graham konnte Evelines Verhalten nicht einordnen, bemühte sich aber, Verständnis zu zeigen. "Ich lasse gleich morgen früh jemanden kommen, der sich darum kümmert, okay? Wir sollten jetzt schlafen gehen, es ist schon spät." Er schenkte ihr testend ein kleines Lächeln. Es wunderte ihn, wie sehr sie plötzlich unter Strom stand, denn im Auto war sie gerade noch sehr ruhig und entspannt gewesen - aber manchmal brauchte es ja nur den berühmten letzten Tropfen und das Fass lief über. So war es sicher auch hier, das war zumindest seine Herleitung der Situation; andererseits entsprach es nicht gerade Evelines Naturell, wegen so etwas banalem wie einem Riss in der Wand die Fassung zu verlieren. Zumindest, soweit er wusste. "Ist alles in Ordnung?" fragte er, die Sorge so sanft in seinen Worten mitschwingend, dass man schon genau hinhören musste, um sie wahrzunehmen.
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Isi
01.01.2024, früher Morgen
Villa der Duffys
Eveline hörte ihm zu, wie sie ihm oft zuhörte: aufmerksam, ohne sich ganz zu öffnen. Seine Worte über das Kleid, über Haltung und Ausstrahlung, prallten nicht ab, aber sie setzten sich auch nicht fest. Komplimente waren für sie weniger Bestätigung als Beobachtung, etwas, das man zur Kenntnis nahm und dann beiseitelegte. Sie wusste, wie sie wirkte. Sie wusste es schon lange. Es war kein Verdienst, sondern eine Gegebenheit, wie eine Statik, die funktionierte, solange man sie nicht hinterfragte. Sie registrierte den Stolz in seiner Stimme, diese ruhige Selbstzufriedenheit, die er ausstrahlte, wenn er sie betrachtete, als sei sie Teil eines gelungenen Gesamtkonzepts. Eveline ließ es gelten. Graham sah sie gern, zeigte sie gern, ordnete sie gern in sein Bild von Ordnung ein. Dass andere darin Zuneigung oder gar Tiefe vermuteten, war nicht ihre Verantwortung. Sie korrigierte solche Annahmen ebenso wenig wie er.

Als sie im Flur stehen blieb, den Riss entdeckte und spürte, wie sich etwas in ihr verschob, nahm sie Grahams Verzögerung kaum wahr. Seine Gedanken waren noch bei Routinen gewesen, bei Dingen, die man später klären konnte. Für Eveline existierte dieses Später in diesem Moment nicht. Der Riss war da. Und er gehörte nicht hierher. Eveline wusste, dass ein Altbau lebte. Aber sie wusste ebenso, wo sie ihm diese Bewegung genommen hatte. Der Riss war an der falschen Stelle. Sie hatte dieses Haus nicht einfach bewohnt, sie hatte es gelesen, interpretiert, beruhigt. Sie kannte die Punkte, an denen Material arbeitete, kannte die Übergänge, die man akzeptierte, und jene, die man stabilisiert hatte. Dieser Flur gehörte zu Letzteren. Hier hatte sie verstärkt, ausgeglichen, sichern lassen. Hier durfte nichts nachgeben. Ein Riss war kein dekoratives Alterszeichen, kein charmantes Detail. Er war ein Hinweis darauf, dass etwas arbeitete, ohne angekündigt zu sein. Dass sich etwas verschob, ohne sich erklären zu lassen. Für die Rothaarige war das kein ästhetisches Problem, sondern ein strukturelles. Ein Fehler im System.
Und Fehler ließen sich nicht vertagen. Sie mussten behoben werden, bevor sie größer wurden, bevor sie Teil der Struktur wurden, bevor man sich daran gewöhnte. Das Haus war ihr Halt. Ein Ort, an dem alles funktionierte, auch dann, wenn sie es nicht tat. Ein Riss an dieser Stelle bedeutete, dass selbst hier etwas nicht mehr vollständig unter ihrer Kontrolle stand. Das war der Moment, in dem die Unruhe einsetzte – leise, präzise, ohne Drama. Wie ein Druck in ihrem Brustkorb, der nicht nachließ, solange man ihn ignorierte. So stellte sie sich den Beginn eines Herzinfarktes vor, aber dafür war Graham eher der Experte. Dass sie hier viel eher kurz vor einer Panikattacke stand, konnte und wollte sie nicht einsehen.

Und so kam erneut Bewegung in ihren zierlichen Körper, als sie sich über das polierte Fischgrätenparkett in Richtung der Kellertür bewegte. Ihr Schritt war entschlossen, beinahe hastig, als müsse sie dem Gefühl zuvorkommen, bevor es sich festsetzen konnte. Der Keller war kein Ort, den sie regelmäßig betrat. Vielleicht zweimal, seit sie hier lebte. Es hatte keinen Grund dafür gegeben. Die Haushälterin erledigte dort die Wäsche, der Schornsteinfeger seine Kontrollen. Technische Räume. Zweckräume. Kein Teil des Hauses, in dem man sich ohne Not aufhielt. Gerade deshalb wusste Eveline, dass dort Dinge lagen, die man brauchte, wenn etwas aus der Ordnung geraten war. Werkzeuge. Materialien. Dinge, mit denen man korrigierte, glättete, stillstellte. Der Keller gehörte nicht zum gelebten Teil des Hauses, sondern zu dem, der Probleme löste. Und genau dorthin musste sie jetzt.
Grahams Hand schloss sich um ihr Handgelenk, gerade als sie die Tür öffnen wollte. Nicht fest, nicht fordernd – vielmehr routiniert, fast beiläufig. Eveline hielt inne, mehr aus Überraschung als aus Widerstand. Der abrupte Stillstand irritierte sie. Sie hatte nicht bemerkt, wie zielgerichtet sie sich bewegt hatte, bis jemand diesen Weg unterbrach. Seine Worte klangen vernünftig. Durchdacht. Beruhigend in der Art, wie sie für andere Menschen beruhigend sein mochten. Morgen früh. Jemand kümmern. Schlafen gehen. Eveline hörte die Struktur darin, die Logik, die Abfolge. Es war ein Angebot zur Ordnung – aber nicht zu der, die sie gerade brauchte. Morgen bedeutete Stillstand. Bedeutete, den Riss über Nacht arbeiten zu lassen, ihn unbeobachtet zu lassen, ihn zu dulden. Schlaf war kein Zustand der Erholung, sondern des Ausgeliefertseins. Sie reagierte nicht sofort. Ihr Blick blieb an der Tür hängen, an der Stelle, an der ihre Hand eben noch gewesen war. In ihr formte sich kein Trotz, keine Wut. Nur ein stiller, unnachgiebiger Widerstand. Ein Bedürfnis nach Handlung, nach Eingreifen, nach dem Gefühl, wieder Einfluss zu haben.
„Ich kann das nicht liegen lassen“, sagte sie schließlich leise. Kein Vorwurf. Keine Bitte. Eine Feststellung, so sachlich wie ein Befund. Auf seine Frage, ob alles in Ordnung sei, antwortete sie nicht sofort. Sie löste ihr Handgelenk nicht, zog es aber auch nicht weg. Ihr Blick wanderte kurz zurück zur Wand, zu dem feinen, unscheinbaren Riss, der mehr bedeutete, als er sollte. „Es ist nur …“, begann sie und brach ab. Worte machten es nicht besser. „Ich kümmere mich darum.“

Mehr sagte sie nicht, als sie sich aus seinem Griff löste und wieder in Bewegung setzte. Ohne weiter zu zögern, streifte sie die teuren Designerschuhe ab. Nicht ordentlich, nicht bedacht, sondern mit einer Ungeduld, die sie sonst nur selten zuließ. Die Absätze landeten ungleichmäßig neben der Wand, einer lag auf der Seite. Es störte sie nicht. Sie spürte den kühlen Boden unter ihren nackten Füßen, eine Erdung, die kurz half, den Druck zu sortieren. Eveline griff nach der Kellertür, öffnete sie entschlossener, als sie es beabsichtigt hatte. Der Geruch von Stein, Staub und Kälte schlug ihr entgegen, vertraut und zugleich fern. Als sie den Lichtschalter betätigte, flackerte die Neonröhre kurz auf, bevor sie den Raum ausleuchtete. Zu hell, zu direkt. Eveline blinzelte, ließ den Blick bereits wandern. Regale. Beschriftete Kisten. Werkzeug. Ordnung. Keine wohnliche, aber eine funktionierende. Ihr Atem wurde ruhiger, nicht weil die Unruhe verschwunden war, sondern weil sie etwas tat. Handelte. Sie begann systematisch zu suchen, ließ den Blick über die Regalböden gleiten, las Etiketten, griff hierhin, stellte dort ab. Spachtelmasse. Fein. Nicht grob. Etwas, das glättete, nicht nur überdeckte. Während sie suchte, hielt sie den Gedanken fest, dass alles lösbar war, solange man es rechtzeitig anging. Dass nichts bleiben musste, wie es sich gerade zeigte. Dass auch Risse verschwinden konnten, wenn man sie nicht ignorierte. Und irgendwo zwischen Kartons, Dosen und dem kalten Licht des Kellers war die Panik noch da – aber sie hatte keine Führung mehr. Die hatte Eveline übernommen. Glaubte sie zumindest.
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Es kam ihm fast so vor, als stünde der Riss sinnbildlich für etwas anderes. Möglicherweise ein Riss in ihr selbst? Hoffentlich kein Riss in ihrer Ehe, das würde Graham sehr überraschen, da dieser Bund für ihn der Inbegriff von Sicherheit war - aber bedingt dadurch, dass sie nicht über ihre Gefühle sprachen, konnte es ja gut sein, dass da irgendetwas in Eveline schwelte, von dem er nichts wusste. Doch er hatte eigentlich heute Abend nicht den Eindruck gehabt, als läge irgendetwas im Argen. Ging es dann also doch um Eveline? Ein Thema, dass sie für gewöhnlich mit sich selbst ausmachte? Dann stellte sich nur die Frage, warum ihr das jetzt akut nicht gelang - und wie Graham damit nun umgehen sollte. Würde sie es vorziehen, er zöge sich zurück und ließe sie einfach machen? Er hatte keine Ahnung, in einer Situation wie dieser war er mit ihr noch nicht gewesen. Für gewöhnlich war Eveline Duffy der Inbegriff an Ausgeglichenheit. Sie konnte bestimmend sein, sie konnte klare Grenzen setzen und für etwas einstehen, aber für gewöhnlich blieb sie dabei ruhig. Jetzt jedoch war sie regelrecht in Panik, und Grahams Instinkt riet ihm daher dringend, sie nicht allein zu lassen. Zumindest nicht, solange sie ihn nicht wegschickte, und selbst dann war er sich nicht sicher, ob er diesem Wunsch nachkommen würde. Dass sie offensichtlich vorhatte, im Abendkleid eine Wand zu spachteln, klang nicht nach einem kurzen emotionalen Ausbruch.

Zurückhalten konnte er sie nur kurz. Seine Frau zeigte sich sichtlich irritiert über seinen Versuch, ihr Vorhaben auf morgen zu verlegen, und er wurde das Gefühl nicht los, dass seine Worte gar nicht wirklich bei ihr ankamen. Ihre Atmung ging flacher als gewöhnlich, das Dekoltée ihres Kleides hob und senkte sich in schnellen Zügen. Ihre Augen waren groß, der Blick darin regelrecht… panisch? Grahams Stirnrunzeln vertiefte sich, während er zu verstehen versuchte, warum Eveline derart heftig auf einen leicht zu behebenden Schaden am Haus reagierte. Was er auf jeden Fall verstand, war die Tatsache, dass sie nicht von ihrem Vorhaben abzubringen war. Auch, wenn er den Grund dafür nicht kannte, ihr Anliegen war dringlich. Also gab es für ihn auch nur eine mögliche Reaktion, als sie sich von seinem Griff befreite, die Schuhe abstreifte und barfuß in den Keller hinabstieg: Er folgte dem Rascheln ihres Kleides. Zum Glück war in dem entsprechenden Kellerraum alles ordentlich beschriftet, darauf hatte er viel Wert gelegt. Jetzt in einem Chaos etwas suchen zu müssen, hätte Eveline sicher noch mehr aufgebracht.
Graham schlüpfte aus seinem Mantel und hängte ihn an die Ecke eines Regals, ehe er zu seiner Frau aufschloss. Spachtelmasse hatte sie anscheinend schon gefunden, und Graham nahm zwei Spachtel in verschiedenen Größen aus dem Regal und eine schwarze, gummiartige Schüssel. "Hier, zum Anrühren", schlug er vor, denn ehrlich gesagt hatte er keine Ahnung, ob das Behältnis geeignet für das Vorhaben war - er war Chirurg, kein Maurer. "Was hältst du davon, wenn ich die Masse schon mal in der Küche anrühre und du dir so lange etwas anderes anziehst..?" Er wusste nicht, ob sie dazu in der Lage war, oder ob die Dringlichkeit ihres Anliegens den Untergang des Kleides bedingte - was wirklich eine Schande wäre, aber letztendlich war es nur ein Kleid -, oder ob sie sich so lange von ihrem Tun abhalten konnte, um sich zumindest etwas anzuziehen, dass beruhigt schmutzig werden konnte?

Graham sah sich weiter suchend um und entdeckte eine Plane, für dessen schützende Eigenschaft das Parkett mit Sicherheit dankbar wäre. Er zog sie vorsichtig aus dem Regal, dann wanderte sein Blick wieder zu Eveline. Aufmerksam, besorgt - und irritiert. Das hier überschritt eine Grenze, die sie noch nie überschritten hatten. Dass er ihr helfen würde, stand für ihn außer Frage; wenn sie meinte, den Riss jetzt spachteln zu müssen, dann war er da, insofern sie das wollte. Doch was dahintersteckte und was das über ihre Ehe aussagte, konnte er gerade nicht einschätzen. Eröffnete die Rothaarige gerade eine neue Ebene in ihrer Beziehung? Oder war nur einfach kurz ihre Mauer eingestürzt, und morgen würde sie wieder unumstößlich auf ihren Grundfesten stehen - und würde Eveline dann so tun, als wäre nichts gewesen? Oder würde sie Graham ihr Verhalten nachträglich noch erklären? Jetzt gerade schien das nicht möglich, Graham bezweifelte, ob sie sich überhaupt bewusst war, was gerade mit ihr passierte. Nun, sie hatten einander nicht unbedingt versprochen, ihre tiefsten Geheimnisse und Gefühle miteinander zu teilen, aber es war irgendwie doch der Satz "in guten wie in schlechten Zeiten" gefallen, und deshalb blieb er an ihrer Seite, bemüht, ihr zu helfen, so gut es ging.
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Eveline nahm Graham kaum noch wahr, zumindest nicht in dem Sinne, wie sie ihn sonst wahrnahm. Sie registrierte seine Anwesenheit, seine Bewegungen, das leise Rascheln, das der feine Stoff seines Anzugs hinter ihr verursachte. Sie ordnete es irgendwo am Rand ein – wie Hintergrundgeräusche, die nicht verschwanden, sich aber auch nicht weiter in den Vordergrund drängten. Alles in ihr war auf einen einzigen Punkt konzentriert. Auf das, was getan werden musste. Der Riss hatte sich festgesetzt. Nicht nur visuell, sondern viel tiefer, als ihr lieb war. Er hatte sich in ihr Denken geschoben, hatte dort etwas geöffnet, das sie nicht benennen konnte oder wollte. Es fühlte sich an wie die Büchse der Pandora, deren Schlüssel sie über Jahrzehnte bewusst verlegt hatte. Eveline wusste, dass er klein war. Sie wusste, dass man ihn ignorieren konnte. Sie wusste auch, dass man morgen jemanden anrufen konnte, der diesen Makel behob – und dass das entsprechende Honorar selbst am Neujahrsmorgen einen Handwerker strahlen ließ. Sie wusste, dass das Haus nicht einstürzen würde. Dass sie überreagierte. Doch all dieses Wissen half ihr nicht, sich aus diesem Moment zu lösen.
Was sie spürte, war kein Zweifel, sondern Dringlichkeit. Etwas war aus der Ordnung geraten, und solange es sichtbar war, solange es nicht geglättet, nicht beruhigt war, würde es weiterarbeiten. In ihr. Sie hatte gelernt, dass Dinge nicht verschwanden, nur weil man sie vertagte. Sie blieben. Sie setzten sich fest. Sie wurden Teil der Struktur, wenn man sie ließ.

Der Keller roch nach Staub und Kälte, nach Funktion. Eveline atmete flacher, aber gleichmäßiger, während sie suchte. Ihre Hände bewegten sich sicher, fast automatisch, lasen Beschriftungen, griffen nach dem Richtigen. Spachtelmasse. Feinkörnig. Das war wichtig. Kein Provisorium, das nur verdeckte. Etwas, das glättete. Langfristig. Sie hörte Graham irgendwo hinter sich sprechen. Worte über Anrühren, über das Kleid, über Vorsicht. Sie wusste, dass er helfen wollte. Sie wusste es zu schätzen – auf eine nüchterne Weise. Gleichzeitig spürte sie, wie wenig das alles an dem änderte, was in ihr vorging. Es ging nicht um das Kleid. Nicht um Schmutz. Nicht um Vernunft. Es ging darum, dass etwas offengelegt worden war. „Das passt schon so“, erwiderte die Rothaarige, und der Tonfall ließ keinen Raum für weitere Einwände. Sie nahm ihm die Plastikschale und die Spachtel beinahe beiläufig aus der Hand, drehte sich zur Werkbank um und stellte alles sorgfältig ab. Dann öffnete sie den Sack mit der Spachtelmasse und schüttete eine Menge Pulver hinein, die ihr angemessen erschien. Sie wusste nicht, ob es zu viel oder zu wenig war. Sie wusste nur, dass es sich richtig anfühlte. Eveline arbeitete selten nach Gefühl – und doch tat sie es jetzt. Augenmaß statt Plan, Bauchgefühl statt Berechnung. Für diesen Moment reichte das.

Dass ihr Ehemann ihr folgte, überraschte sie nicht. Graham folgte Dingen, die offensichtlich aus dem Rahmen fielen. Er wollte verstehen, einordnen, vielleicht auch stabilisieren. Eveline wusste, dass er sie beobachtete, dass er nach Anzeichen suchte, nach Erklärungen für ein Verhalten, das für sie beide ungewohnt war. Das Problem war nur: Sie hatte keine für ihn. Und in diesem Moment nicht einmal für sich selbst. Als sie die Spachtelmasse in der Küche mit Wasser mischte und zu rühren begann, merkte sie, wie sich etwas in ihr minimal verschob. Kein Frieden. Keine echte Erleichterung. Aber ein Ansatz von Kontrolle. Handlung ersetzte Denken, Bewegung ersetzte Stillstand. So hatte sie immer funktioniert. So funktionierte sie jetzt.
Ein flüchtiger Gedanke streifte Dr. Fraser. Den Dienstagmittag vor Weihnachten. Den Satz über Risse, die man nicht immer sofort schließen könne, ohne zu wissen, was darunter lag. Eveline schob den Gedanken beiseite. Analyse war jetzt zweitrangig. Erst musste die Oberfläche wieder stimmen. Ein beinahe zufriedenes Ausatmen entwich ihren Lippen, als sie merkte, wie die Masse unter ihrem Zutun fester wurde. Berechenbarer. Formbar. Ob Graham verstand, was hier gerade geschah, wusste sie nicht. Ob sie es ihm erklären würde, ebenso wenig. Vielleicht würde morgen wieder alles funktionieren. Vielleicht würde sie selbst nicht mehr nachvollziehen können, warum sie in der Nacht des ersten Januar im Abendkleid im Keller gestanden hatte – und nun, im selben Kleid, in der gemeinsamen Küche Spachtelmasse anrührte. Aber jetzt, in diesem Moment, war das egal. Jetzt musste erstmal der Riss verschwinden.

Und so kehrte sie zurück in den Flur, zur Ursache ihres Ausbruchs, und begann, die Masse auf der Wand zu verteilen. Sorgfältig. Ruhig. Bahn für Bahn. „Du kannst ruhig schlafen gehen, Graham. Ich mache das hier eben nur fertig“, sagte sie, ohne innezuhalten. Sie spürte noch immer seinen fragenden Blick auf sich, der ihr durch das ganze Haus gefolgt war, und sah schließlich über die nackte Schulter hinweg kurz zu ihm zurück. In seinen grünen Augen lag kein Zweifel – weder an ihr noch daran, dass das, was sie tat, vollkommen in Ordnung war. Dass sie alles im Griff hatte. Dass sie es fixen konnte. Und für diesen Moment genügte das.
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Filou
01.01.2024, früher Morgen
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Sie war fast wie auf Autopilot, und das machte Graham ein wenig ratlos, denn so hatte er sie noch nie erlebt. Für gewöhnlich wären sie jetzt jeder in seinen Schlafbereich gegangen, oder, wenn sie noch zu wach dafür gewesen wären, dann hätten sie sich gemeinsam auf die Couch gesetzt und den Abend Revue passieren lassen. Ein bisschen gelacht über Longbottom, ein bisschen hergezogen über Lady Elouise, und dann ab in das jeweilige Bett. Dass Eveline heute von jeglichem bekannten Verhalten abwich, konnte sich der Chirurg absolut nicht erklären. Sie war den ganzen Abend absolut entspannt gewesen. Dann musste es an diesem Riss liegen, aber wieso brachte der sie komplett aus der Fassung? Es war ja auch nicht so, als wäre es das erste Mal, dass etwas im Haus einer Reparatur bedurfte. Das quietschende Tor hatte sie ja auch nicht in Panik versetzt. Und als Architektin war ihr doch bestens bekannt, dass ein so altes Haus sich bewegte; da durfte ein kleiner Riss in der Wand sie doch eigentlich nicht überraschen, oder?

Blieb nur noch die Schlussfolgerung übrig, dass hier etwas Tiefliegenderes die Ursache für ihr Verhalten war. Dinge, die unterhalb der Grenze dessen lagen, worüber sie sprachen. Doch Eveline machte auf ihn nicht den Eindruck, als würde sie überhaupt bemerken, wie sie sich verhielt, deswegen hielt Graham sich davon ab, ihre gewohnte Ebene zu verlassen und tiefer zu graben. Er fragte nicht nach, er versuchte nicht, zu ihr durchzudringen, denn so funktionierten sie nicht. Vermutlich war es ihr morgen unangenehm und sie würde so tun, als sei nichts gewesen, damit ihr so gut funktionierendes System nicht ins Wanken geriet.
Aber die Tatsache, dass sie gerade derart aus der Fassung war, dass sie das nicht - wie vermutlich sonst für gewöhnlich - vor ihm zu verbergen vermochte, besorgte ihn.

Er blieb also vorerst in ihrer Nähe und bot sich ihr als Unterstützung an, half ihr, die benötigten Materialien zusammenzusuchen. Eveline stieg wieder die Treppe empor, kümmerte sich nicht um ihr Outfit und fing sofort an, den Riss zu bearbeiten. Als sie ihn wegschickte, zögerte er kurz, nickte schließlich jedoch. Sie wusste, wo sie ihn finden konnte, wenn sie ihn brauchte, bis dahin war es vermutlich klüger, sie einfach machen zu lassen. Und so zog er sich schließlich zurück, entledigte sich seines Anzugs und hängte alles ordentlich auf, damit das Hausmädchen ihn bei Gelegenheit in die Reinigung bringen konnte, stieg in die Dusche und machte sich schließlich bettfertig. Nach dem Zähneputzen lass er noch eine halbe Stunde, dann löschte er das Licht - doch die Sorge um Eveline weckte ihn nur eine Stunde später wieder auf. Also trank er einen Schluck Wasser, schlüpfte in seine Hausschuhe und machte sich leise auf den Weg in die Eingangshalle. Eveline war weit und breit nicht zu sehen; der Riss war säuberlich verspachtelt. Es fehlte nur noch eine Schicht Farbe, dann würde niemand mehr sehen, dass ihr etwas nicht in Ordnung gewesen war - doch dafür musste die Spachtelmasse erst einmal durchtrocknen, so viel wusste er. Kurz nahm er sich Zeit, ihre saubere Arbeit zu bewundern, dann vergewisserte er sich, dass sie nicht noch auf der Couch saß oder den Kühlschrank plünderte. Im Haus war kein Geräusch zu vernehmen, sicherlich hatte sie sich mittlerweile in ihre Räumlichkeiten zurückgezogen.

Schließlich ging Graham wieder ins Bett. Er hatte morgen noch frei, die Chancen standen gut, morgen gemeinsam mit seiner Frau frühstücken zu können - und dann würde er vielleicht erfahren, was heute Nacht los gewesen war. Oder sie würde wieder ganz die Alte sein und sie würden ihr Leben weiterführen wie bisher. Das letzte, was er sah, bevor er einschlief, waren die Zeiger der Uhr, sie sich mitterweile bereits auf fünf Uhr zubewegten.
Höchste Zeit zu schlafen.
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Isi
01.01.2024, früher Morgen
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Eveline tat etwas, für das sie normalerweise Fachmänner beauftragt hätte, und doch glitt der Spachtel in einer geübten Bewegung über den Riss, drückte die Masse tiefer in jene Stellen, die ihrer Einschätzung nach Verstärkung brauchten. Das letzte Mal hatte sie mit dieser Substanz während ihres Studiums gearbeitet, in einem Gruppenprojekt, bei dem sie einen Modellbau hatten überarbeiten müssen. Ein Übungsbau für ein Hochhaus. Damals war es um Technik gegangen, um Prinzipien, um das richtige Verhältnis von Material und Belastung. Jetzt ging es um etwas völlig anderes. Nicht um Ästhetik. Nicht um eine gute Note. Sondern um Halt. Innen wie außen.
Es war, als erinnerten sich ihre Muskeln an den nötigen Druck, an das Maß zwischen Nachgeben und Festigkeit, das es brauchte, um ein scheinbar perfektes Ergebnis zu erzielen. Eveline arbeitete ruhig, gleichmäßig, korrigierte kleine Unebenheiten stoisch und zog die Masse dort nach, wo sie noch Widerstand spürte. Denn nicht alles, was geschlossen wirkte, war es am Ende auch. Manche Stellen verlangten mehr Aufmerksamkeit, mehr Geduld. Andere durfte man nicht überarbeiten, um sie nicht erneut zu schwächen. So arbeitete sie gut eine Stunde in der Stille des Hauses. Nur sie, das kratzende Geräusch von Metall auf Beton, ihr Atem und das stumpfe Licht im Flur. Ihr Abendkleid war – wie Graham es vermutet und hatte verhindern wollen – ihrer Arbeit zum Opfer gefallen. Vereinzelte Sprenkler aus Putz hatten sich mit dem feinen Stoff verbunden und waren dort getrocknet. Es interessierte sie nicht. Nicht wirklich.
Weitere zehn Minuten verstrichen, ehe sie schließlich von der Wand zurücktrat und ihre Arbeit nachdenklich betrachtete. Es war kein perfektes Ergebnis – das hatte sie auch gar nicht angestrebt. Perfektion war ein Mythos, Stabilität jedoch nicht. Der Riss wirkte nun nicht mehr wie eine Bedrohung. Nicht auf diese unmittelbare, drängende Weise. Ein tiefer Atemzug löste sich aus ihrer Brust, ungewohnt langsam, und sie spürte, wie die Luft tatsächlich dort ankam, wo sie hingehörte, bis in die Endlichkeit ihrer Lungenflügel. Der Beweis, dass etwas nachgegeben hatte. In ihr. Ob es Erleichterung war oder doch nur Resignation, konnte die Rothaarige nicht benennen. Wahrscheinlich lag die Wahrheit irgendwo dazwischen. Mit der vollen Sauerstoffversorgung kam eine plötzliche Müdigkeit über sie, schwer und unerwartet, als hätte ihr Körper erst jetzt verstanden, dass der Alarmzustand vorüber war. Und dennoch säuberte und verräumte sie ihre Materialien sorgfältig, als gehörte auch das noch zur Arbeit, ehe sie die Treppe nach oben nahm und ihrem Mann folgte – jedoch nur bis zu den Abzweigungen ihrer jeweiligen Gemächer. Mehr als eine schnelle Dusche war nicht mehr drin. Sie wusch Schweiß, Feinstaub und die Maske des Abends von sich ab, mechanisch und ohne innezuhalten. Kaum hatte ihr Kopf das Kissen berührt, fiel sie in einen scheinbar traumlosen Schlaf.

Mit pochendem Herzen schreckte sie aus dem Schlaf und sah sich übermüdet in dem noch dunklen Zimmer um. Die Nacht steckte ihr in den Knochen, schwer und klebrig, und doch brauchte Eveline einen Moment, bis ihr ganzer Umfang wieder greifbar wurde. Bilder schoben sich ineinander: die Silvesterparty, der Heimweg, der Riss in der Wand, ihre Panik, Grahams warme Stimme, wie sie ihn weggeschickt hatte. Auch die heiße Dusche, unter der sie sich diesmal länger aufhielt, half nur bedingt. Sie blieb reglos unter dem kochendheißen Strahl stehen, ließ das Wasser über Schultern und Rücken laufen, als ließe sich damit etwas abtragen, abschwemmen. Aber manches haftete hartnäckiger als Staub oder Schweiß.
Und dennoch verließ Eveline kurz nach acht Uhr, mit nur wenigen Stunden Schlaf auf dem Konto, ihr Zimmer. Nicht aus Erholung heraus, sondern aus reiner Gewohnheit. Stillstand war noch nie ein Zustand gewesen, den sie lange ausgehalten hatte. Also warf sie sich in ihr weichstes Kaschmir und stand wenig später in der Küche, um sich und Graham Frühstück zuzubereiten. Auf dem Weg dorthin blieb sie noch einmal im Flur stehen. Betrachtete den Riss, nun trocken, beinahe unscheinbar. Wartete auf das vertraute Ziehen, auf eine neue Welle der Unruhe. Doch nichts geschah. Keine Panik. Kein Druck. Nur eine nüchterne Feststellung: Er war noch da – und zugleich nicht mehr bedrohlich. Sie begnügte sich nicht mit einem simplen Rührei. Während die Jura ihren ersten Kaffee freigab, entschied sie sich für Eggs Benedict. Eines von Grahams Favoriten. Ein Ablenkungsmanöver? Vielleicht. Oder einfach eine Rückkehr zu etwas Verlässlichem. Gerade als sie die Eier behutsam in das mit Essig versetzte Wasser gleiten ließ, betrat ihr Mann die offen gehaltene Küche. Sein morgendlicher Gruß kam ihr vertraut entgegen. "Guten Morgen, Darling." Auch die Schottin hatte den Kosenamen wie ein Beiwerk adaptiert, warf ihm kurz ein Lächeln zu, das die dunklen Schatten unter ihren Augen jedoch nicht ganz verbergen konnte, ehe sie sich wieder dem Topf zuwendete. „Ich dachte, für Neujahr mache ich uns Eggs Benedict“, sagte sie ruhig. „Kannst du mir bitte den Lachs aus dem Kühlschrank holen?“ Einfache Aufgaben. Einfache Worte. Alles wirkte wieder geordnet. So wie es sein sollte.
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Filou
01.01.2024, früher Morgen
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Graham schlief tief und fest. Das tat er immer. Sobald sein Kopf das Kissen berührte, dauerte es nur Sekunden, bis er ins Traumland abdriftete; vermutlich benötigte er deshalb nur recht wenig Schlaf, denn viel Herumwälzerei im Bett gab es bei ihm selten. Nach einigen erholsamen Stunden erwachte er also, duschte ausgiebig und dabei fiel ihm dann der Vorfall mit Eveline heute Nacht wieder ein. Ob er heute wohl herausfinden würde, was mit ihr los gewesen war? Ob sie sich mittlerweile wieder beruhigt hatte und wieder die entspannte, ausgeglichene Eveline war, die er kannte? Graham rubbelte sich seine Haare trocken und schlüpfte in dunkelgraue Sweathosen, ein gleichfarbiges T-Shirt und einen grauen Kapuzenpullover, ehe er sich auf den Weg durch die Flure machte, um in der Küche nachzusehen, ob seine Frau mittlerweile erwacht war. Im Eingangsbereich hielt er kurz inne und musterte den nun gekitteten Riss. Eveline hatte saubere Arbeit geleistet, das musste man ihr lassen. Hoffentlich hatte sie danach etwas Ruhe finden können. Graham fuhr sich durch das noch feuchte Haar, während er nachdenklich den Riss musterte. Wieso hatte er Eveline derart aus der Fassung gebracht? Er hatte sie ja kaum wiedererkannt. Sie mochten einander vielleicht nicht besonders gut kennen, aber doch so gut, dass man sämtliche Stimmungsfacetten des Anderen schon mal mitbekommen hatte - das hatte Graham zumindest bisher geglaubt. Jetzt war er sich da plötzlich nicht mehr so sicher, und er fragte sich, was das für ihre Ehe bedeutete. Und was er tun sollte, wenn Eveline sich heute wie immer verhielt - sollte er die nächtliche SItuation ansprechen oder lieber so tun, als wäre nichts gewesen? Das wäre bisher vermutlich sein Vorgehen gewesen, aber nun, da seine Frau ihm eine neue Seite an sich gezeigt hatte, war er verunsichert und wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte.

Schon bevor er die Küche betrat, roch er das Essen. Eveline war also tatsächlich bereits wieder auf, das erleicherte Graham irgendwie, auch wenn er nicht sagen konnte, warum. Manchmal sahen sie sich tagelang nicht, wenn ihre Arbeitszeiten zu unterschiedlich waren oder einem von ihnen nicht nach Gesellschaft war, doch hätte er sie heute Morgen nicht angetroffen, dann hätte er wohl nach ihr geschaut. "Guten Morgen", begrüßte er Eveline, als er an die Kaffeemaschine trat, seine LIeblingstasse aus dem Schrank holte und seinen üblichen Flat White zubereiten ließ. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht, als sein Blick auf die Eier fiel und er realisierte, dass sie seine LIeblingseier zubereitete. Ihre Stimme klang wieder ganz ruhig und entspannt, von der nächtlichen Anspannung war ihr nichts mehr anzumerken. Graham musterte sie einen Augenblick und entschied sich, das Thema zumindest nicht sofort enzusprechen. Der Tag war ja noch jung, auch wenn im Grunde schon Einiges passiert war. Er holte, wie erbeten, den Lachs aus dem Kühlschrank und reichte ihn Eveline. "Kann ich sonst noch etwas vorbereiten?" fragte er, während die Kaffeemaschine ihn piepsend wissen ließ, dass sie fertig war. Graham blickte zum Esstisch, der von der Sonne träge beschienen wurde; es wirkte fast, als hätte sie einen Hangover, aber immerhin war kein trübes Wetter heute. Da der Tisch noch nicht gedeckt war, machte er sich daran, genau das zu erledigen, und legte Teller und Besteck auf. Dann nahm er das Orangennetz aus dem Obstkorb und holte die Saftpresse aus dem Schrank, um frischen Orangensaft zuzubereiten - etwas, von dem er wiederum wusste, dass Eveline ihn gern mochte. "Hast du gut geschlafen?" fragte er beiläufig, aber doch mit einer gewissen Neugier in der Stimme.
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Isi
01.01.2024, früher Morgen
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Die Rothaarige ließ sich nichts anmerken. Nicht in der Art, wie sie die Eier mit einer kleinen Drehbewegung ins Wasser gleiten ließ und dem Essig die weitere Arbeit überließ. Nicht in der ruhigen Präzision, mit der sie geübt die Hollandaise über dem Wasserbad aufschlug, bis sie die für sie perfekte Konsistenz erreichte. Ihre Handgriffen waren sicher, eingespielt, genau so, als hätte sie das schon an die hundertmal gemacht. Hundertmal war vermutlich ein übertriebener Gedanken, aber sie klammerte sich an den Gedanken dieser Routine. Denn Routine war für sie etwas Verlässliches, etwas, das keine unbequemen Fragen stellte.
Sie hörte Graham hinter sich – das leise Öffnen eines Schranks, das Klirren von Geschirr, das erneute Aufbrummen der Kaffeemaschine, als sie den zweiten Kaffee herauslässt. Alles klang normal. Genau so wie ein Morgen, besonders der Neujahrsmorgen, klingen. Da waren keine schrilles Geräusch, welches in ihrem Ohr pochte, kein hastiger Atem, der ihr das Gefühl von Luftnot gab und auch kein weitere Hinweis auf die vergangene Nacht. Ihr Haus stand. Die Wand war geschlossen. Ein neuer Tag hatte begonnen!

„Passt du bitte auf, dass die Sauce nicht zu heiß wird“, gab Eveline weitere Instruktionen an ihren Mann, ohne ihm weiter große Aufmerksamkeit zu schenken, ehe sie sich dem Brot zuwandte, dieses in großzügige Scheiben schnitt und in der bereits erhitzten Pfanne in Butter goldbraun röstete. Dann folgte der Lachs. Jede Komponente hatte ihren Platz. Nichts durfte verrutschen. Die schneeweißen Teller wurden zu einem architektonischen Werk, welches sie Stück für Stück, Zutat um Zutat aufbaute. Etwas in dem sie sich verlieren konnte. Etwas das sie abhielt über den brennenden Blick in ihrem Nacken nachzudenken. Denn ja, sie spürte seinen Blick, das leise Abwägen, ob er etwas sagen sollte oder nicht. Doch Eveline ließ ihm keinen Anlass dazu. Sie lächelte knapp, als er ihr den Lachs reichte und nickte, als Graham damit begann den Tisch zu decken. Es hatte etwas von einer Zusammenarbeit. Definitiv etwas von Effizienz. Es war ein eingespieltes System, dessen Struktur gestern Nacht für sie einen Moment lang ins Wanken geraten war. Doch nun war das vorüber. Zumindest, wenn es nach der Duffy ging.

Als er sie dann doch fragte, ob sie gut geschlafen habe, hielt sie für einen Wimpernschlag inne. Dies kaum wahrnehmbar, aber doch lange genug, dass es dem aufmerksamen Augen ihres Mannes vielleicht nicht entgehen würde. Eveline antwortete nicht, beschäftigte sich viel mehr damit die Sauce gleichmäßig über die pochierten Eier zu gießen, um ihrem kleinen Meisterwerk die wortwörtliche Krone aufzusetzen. Erst als sie den Löffel zurück in den Topf legte und die Teile aufnahm, um sie zum Tisch zu tragen, reagierte sie auf den Älteren. „Genug“, antwortete sie schließlich knapp, aber mit diesem bestimmten Tonfall, der ihm sonst signalisierte, dass sie nicht weiter darüber sprechen wollte. Immerhin war es nicht gelogen, wenn auch nicht ganz war. Sie stellte die Teller auf den Tisch, strich eine unsichtbare Falte aus ihrem Cardigan, ehe sie sich ihm gegenüber auf ihren Platz setzte.

Eveline stützte ihre Ellenbogen auf die Tischkante so wie sie sich auf diese fadenscheinige Normalität in ihrer Ehe stützt, während sie das weiße Porzellan mit ihrem Kaffee anhob. Sie hielt sie fest, bis ihre Fingerknöchel weiß wurden – innerlich zumindest. Alles war geordnet. Ihr Kaffee dampfte. Das Besteck lag parallel. Die Wand war wieder glatt. Und solange sie funktionierte, musste nichts weiter erklärt werden. Eine alte Logik die nun seit mehr als drei Jahren für sie beide funktionierte. „Glaubst du, Lady Elouise wird sich noch von dem Kleid-Fauxpas erholen?“ Das Lächeln auf ihren Lippen hat etwas scheinbar amüsiertes, greift sie einen Fanden von gestern Nacht, auf der für sie sicher erscheint. Simpler Smalltalk bei Eggs Benedict und Kaffee. Ganz Duffy-Style!