wake up, make the same mistakes
cycles can be hard to break [private Szene & feste Postreihenfolge]
Charaktere
Datum
09.02.2024
Tageszeit
vormittags
Ort
Old Town WG & draußen
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Kira
Das Schnarren in der Luft vibrierte wie ein Bohrer in seinem Schädel, drang immer tiefer ein, vereinnahmte seinen traumlosen und unbequemen Schlaf, bis er endlich langsam die Augen aufschlug und ziemlich benommen gegen das grelle Sonnenlicht anblinzelte, das ungehindert durch die fleckigen Scheiben drang. Stöhnend drückte er das Gesicht zurück ins weiche Polster, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, nach dem Handy zu greifen, das irgendwo neben ihm auf dem Couchtisch einen eingehenden Anruf verkündete. Sein Arm hing schlaff über der Kante der Couch und baumelte träge Richtung Fußboden. Nach ein paar Sekunden kehrte endlich wieder Ruhe ein und mit ihr die ausgesprochen verlockende Aussicht, einfach wieder wegzudösen, doch dann begann das Vibrieren von neuem. Seufzend streckte Finnian den Arm aus, ohne die Augen noch einmal aufzuschlagen, tastete blind über den Tisch, bis er sein Handy endlich zwischen den Fingern hielt und drückte sich das Display fast schon gegen die Nase. Erst nach einem kurzen Moment gewannen die Buchstaben an Schärfe, klar genug, um den Namen zu erkennen. Nur stand dort keiner.
Don’t pick up.
Ah. In weiser Voraussicht hatte er den Kontakt damals unter genau diesem Hinweis abgespeichert, ein kleiner Trick, der dafür sorgte, dass er, so wie jetzt, niemals auf die Idee kommen würde, einen Anruf von dieser Nummer anzunehmen, nicht einmal aus Versehen. Manchmal war er wirklich clever. Achtlos ließ er das Handy auf den Teppich gleiten, drehte sich umständlich auf den Rücken und hinterfragte gar nicht erst, warum er auf der Couch geschlafen hatte. An das Gröbste von letzter Nacht erinnerte er sich noch ziemlich gut; nur an den Film, den er und Howell zum Ende hin angeschmissen hatten, hatte er keinerlei Erinnerung mehr. Star Wars? Eine Schande, dass er das vergessen hatte. Einen Moment blieb er einfach liegen und starrte zur Decke. Er hätte keinerlei Problem damit gehabt, den Tag einfach im Liegen zu verbringen, allerdings vorzugsweise in seinem Bett und nicht in einem Wohnzimmer, das er sich mit drei anderen Personen teilte. Bei diesem Gedanken wurde sein Gesicht plötzlich heiß und mit einem Ruck saß er aufrecht. Prüfend glitt der Blick durch den Raum, tastete den Flur dahinter ab, doch von seinen Mitbewohnern fehlte jede Spur. Hoffentlich hatten die ihn nicht alle hier schlafen sehen. Gott, war das peinlich. Mit neu erwachter Eile strampelte er die Fleecedecke von sich — deren Herkunft ihm vollkommen schleierhaft blieb — sammelte das Handy vom Boden auf und huschte in die Sicherheit seines Schlafzimmers.
Gerade als er einen Blick auf die Uhr werfen wollte, flammte das Display erneut auf: A. Baird. Scheiße, nein. Vorsichtig, als könne sein Vater durch die Leitung hindurch spüren, wie konsequent sein eigener Sohn ihn ignorierte, legte Finnian mit spitzen Fingern das Handy langsam auf seinem Bett ab, als handelte es sich dabei um etwas Empfindliches, das jeden Moment in die Luft gehen könnte; bei der Nummer, die gerade versuchte, ihn an den Hörer zu nötigen, war das vielleicht gar nicht so abwegig. Dann pflückte er ein paar frische Klamotten aus dem Kleiderschrank und verschwand anschließend im Badezimmer, um sich den gestrigen Abend gründlich von Haut und Haaren zu waschen.
Frisch geduscht, neu eingekleidet und nun mit einer Zahnbürste im Mundwinkel schob er sich wieder aus dem Bad, und riskierte noch einmal einen Blick auf das Handydisplay. 8 Anrufe in Abwesenheit, zwei von Don’t pick up und sechs von seinem Vater. Nachdenklich legte er die Stirn in Falten. Dabei war heute doch gar nicht Sonntag — was konnte so wichtig sein? Gar nichts, vermutlich. Selbst für die monatliche Schelte, rund um Geld, Verantwortung, Dankbarkeit und die Kosten, die er angeblich verursachte, war es noch zu früh; der Monat streckte sich immerhin noch an die drei Wochen lang. Fast war er versucht, zurückzurufen, zu fragen, was sein Erzeuger an diesem schönen Samstagvormittag von ihm wollte, doch da stellte sein Handy bereits den Dienst ein: Akku leer. Tja, so ein Pech aber auch.
Mit einem gleichgültigen Schulterzucken wandte Finnian sich ab und schlurfte zurück in den Flur, gerade in dem Moment, als sich neben ihm eine Tür öffnete. Für einen Augenblick blieb er stehen wie festgewachsen, während Howell im Türrahmen erschien. Es vergingen ein paar Sekunden, in denen sich beide wortlos musterten, bevor Finnian schließlich die freie Hand hob. „Gu’em Morbem“, schafften es seine Worte mühevoll um die Zahnbürste herum genuschelt nach draußen — und dann war er auch schon wieder im Badezimmer verschwunden.
Don’t pick up.
Ah. In weiser Voraussicht hatte er den Kontakt damals unter genau diesem Hinweis abgespeichert, ein kleiner Trick, der dafür sorgte, dass er, so wie jetzt, niemals auf die Idee kommen würde, einen Anruf von dieser Nummer anzunehmen, nicht einmal aus Versehen. Manchmal war er wirklich clever. Achtlos ließ er das Handy auf den Teppich gleiten, drehte sich umständlich auf den Rücken und hinterfragte gar nicht erst, warum er auf der Couch geschlafen hatte. An das Gröbste von letzter Nacht erinnerte er sich noch ziemlich gut; nur an den Film, den er und Howell zum Ende hin angeschmissen hatten, hatte er keinerlei Erinnerung mehr. Star Wars? Eine Schande, dass er das vergessen hatte. Einen Moment blieb er einfach liegen und starrte zur Decke. Er hätte keinerlei Problem damit gehabt, den Tag einfach im Liegen zu verbringen, allerdings vorzugsweise in seinem Bett und nicht in einem Wohnzimmer, das er sich mit drei anderen Personen teilte. Bei diesem Gedanken wurde sein Gesicht plötzlich heiß und mit einem Ruck saß er aufrecht. Prüfend glitt der Blick durch den Raum, tastete den Flur dahinter ab, doch von seinen Mitbewohnern fehlte jede Spur. Hoffentlich hatten die ihn nicht alle hier schlafen sehen. Gott, war das peinlich. Mit neu erwachter Eile strampelte er die Fleecedecke von sich — deren Herkunft ihm vollkommen schleierhaft blieb — sammelte das Handy vom Boden auf und huschte in die Sicherheit seines Schlafzimmers.
Gerade als er einen Blick auf die Uhr werfen wollte, flammte das Display erneut auf: A. Baird. Scheiße, nein. Vorsichtig, als könne sein Vater durch die Leitung hindurch spüren, wie konsequent sein eigener Sohn ihn ignorierte, legte Finnian mit spitzen Fingern das Handy langsam auf seinem Bett ab, als handelte es sich dabei um etwas Empfindliches, das jeden Moment in die Luft gehen könnte; bei der Nummer, die gerade versuchte, ihn an den Hörer zu nötigen, war das vielleicht gar nicht so abwegig. Dann pflückte er ein paar frische Klamotten aus dem Kleiderschrank und verschwand anschließend im Badezimmer, um sich den gestrigen Abend gründlich von Haut und Haaren zu waschen.
Frisch geduscht, neu eingekleidet und nun mit einer Zahnbürste im Mundwinkel schob er sich wieder aus dem Bad, und riskierte noch einmal einen Blick auf das Handydisplay. 8 Anrufe in Abwesenheit, zwei von Don’t pick up und sechs von seinem Vater. Nachdenklich legte er die Stirn in Falten. Dabei war heute doch gar nicht Sonntag — was konnte so wichtig sein? Gar nichts, vermutlich. Selbst für die monatliche Schelte, rund um Geld, Verantwortung, Dankbarkeit und die Kosten, die er angeblich verursachte, war es noch zu früh; der Monat streckte sich immerhin noch an die drei Wochen lang. Fast war er versucht, zurückzurufen, zu fragen, was sein Erzeuger an diesem schönen Samstagvormittag von ihm wollte, doch da stellte sein Handy bereits den Dienst ein: Akku leer. Tja, so ein Pech aber auch.
Mit einem gleichgültigen Schulterzucken wandte Finnian sich ab und schlurfte zurück in den Flur, gerade in dem Moment, als sich neben ihm eine Tür öffnete. Für einen Augenblick blieb er stehen wie festgewachsen, während Howell im Türrahmen erschien. Es vergingen ein paar Sekunden, in denen sich beide wortlos musterten, bevor Finnian schließlich die freie Hand hob. „Gu’em Morbem“, schafften es seine Worte mühevoll um die Zahnbürste herum genuschelt nach draußen — und dann war er auch schon wieder im Badezimmer verschwunden.
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chulia
Es war seltsam, aufzuwachen und sich einerseits tausendmal besser zu fühlen als am Abend zuvor, und sich gleichzeitig aber zu schämen, weil man wusste, man hatte sich daneben benommen oder eben einfach nicht das gleiche sonnige Persona nach Außen tragen können hatte, das man eigentlich für jede Situation, mochte sie auch noch so schrecklich sein, zur Hand hatte. Da Howell jedoch beflissen übte, ehrlich mit sich zu sein, musste er sich wohl eingestehen, dass seine miese Laune vom Vorabend weder eine Überraschung noch ein Einzelfall gewesen war. Das hieß dann wohl auch, dass er sich nicht dafür entschuldigen konnte, indem er es herunterspielte. Dass er nicht so tun konnte, als würde das nie passieren, auch wenn er sehr gern so getan hätte, als wäre gestern gar nichts gewesen, als hätte er sich nicht seltsam benommen, und als hätte er sich nicht geweigert, darüber zu reden, wie ein Kleinkind, das sich nicht trösten lassen wollte.
Howell war das alles so peinlich, dass er den Morgen damit zubrachte, erst einmal gar nicht aufzustehen, sondern stundenlang in seinem Bett herumzulungern. Währenddessen spielte er ein wenig an seinem Handy herum, checkte seine Followerzahl auf Tiktok (von gestern auf heute waren es zwei Follower weniger geworden) und scrollte sich dann durch Twitter, was nie eine gute Idee war und wovon er sich dennoch nicht abhalten konnte. Vielleicht hatten seine Freunde recht, ja, vielleicht war doch was an der Behauptung dran, dass er masochistisch veranlagt war.
Fakt war, dass er das Aufstehen aus dem einfachen Grund prokrastinierte, dass er wusste, er würde nicht drumherum kommen, sich zu entschuldigen. Da er aber noch keinen Schimmer hatte, wie er das am besten anstellte, lag er eben rum und hoffte, es würde sich schon irgendwie von allein ergeben. Zum Beispiel, indem er aufstand und feststellte, dass Finnian ganz zufällig schon ausgeflogen war. Oder indem man ihm eröffnete, er habe alles nur geträumt, sowohl seinen Flop beim Open Mic, als auch die Stunden danach, in denen er erst Trübsal geblasen und dann Finnian den Schal vom Hals geschnitten hatte. Wenn er daran dachte, fühlte sich Howell fast ein bisschen ertappt. Er war nicht mal betrunken gewesen, aber im Nachhinein kam er sich trotzdem ein bisschen dämlich vor und als hätte er definitiv etwas falsch gemacht - dabei war es bestimmt nicht der zerschnittene Schal, den er zu verantworten hatte, sondern vielmehr seine Laune, die er nicht sonderlich gut hatte verstecken können. Das war es, was ihm peinlich war, aber was auch alles andere an der Situation informiert hatte.
Als Howell schließlich doch aufstand, hatte er jedoch keinerlei Glück. Vielmehr passierte sogar das, von dem er gehofft hatte, es würde nicht passieren: kaum hatte er die Tür geöffnet, befand er sich auch schon quasi von Angesicht zu Angesicht mit Finnian. Einen Moment lang starrten sie einander nur an - Finnian in ordentlichen Klamotten, Howell in Unterhemd und den Schwimmshorts, die er manchmal als Schlafhose zweckentfremdete (er war nicht so gut im Wäsche waschen und Verzweiflung macht kreativ oder so), auf der grelle Hibiscus-Blüten abgebildet waren. Pink auf Blau. "Morgen", entfuhr es Howell verspätet, da hatte sich Finnian bereits wieder in Bewegung gesetzt und Howell starrte ihm, sich am Kopf kratzend, etwas ratlos hinterher. Nach kurzem Zögern folgte er dem Zähneputzenden aber einfach bis zum Badezimmer, dessen Tür weit offen stand, sodass Howell noch etwas tapsig und zerstreut einfach hinten drein lief, so wie er es auch bei Callum gemacht hätte. Privatsphäre brauchte man seiner Meinung nach beim Zähneputzen nicht, und da er Fin sowieso hatte erwischen wollen, konnte er das genauso gut auch hier machen. Beim Zähneputzen. "Bist du schon lange wach?", plauderte er sogleich drauf los, als wenn er selbst nicht schon seit acht Uhr im Bett Löcher in die Luft gestarrt hätte.
Howell war das alles so peinlich, dass er den Morgen damit zubrachte, erst einmal gar nicht aufzustehen, sondern stundenlang in seinem Bett herumzulungern. Währenddessen spielte er ein wenig an seinem Handy herum, checkte seine Followerzahl auf Tiktok (von gestern auf heute waren es zwei Follower weniger geworden) und scrollte sich dann durch Twitter, was nie eine gute Idee war und wovon er sich dennoch nicht abhalten konnte. Vielleicht hatten seine Freunde recht, ja, vielleicht war doch was an der Behauptung dran, dass er masochistisch veranlagt war.
Fakt war, dass er das Aufstehen aus dem einfachen Grund prokrastinierte, dass er wusste, er würde nicht drumherum kommen, sich zu entschuldigen. Da er aber noch keinen Schimmer hatte, wie er das am besten anstellte, lag er eben rum und hoffte, es würde sich schon irgendwie von allein ergeben. Zum Beispiel, indem er aufstand und feststellte, dass Finnian ganz zufällig schon ausgeflogen war. Oder indem man ihm eröffnete, er habe alles nur geträumt, sowohl seinen Flop beim Open Mic, als auch die Stunden danach, in denen er erst Trübsal geblasen und dann Finnian den Schal vom Hals geschnitten hatte. Wenn er daran dachte, fühlte sich Howell fast ein bisschen ertappt. Er war nicht mal betrunken gewesen, aber im Nachhinein kam er sich trotzdem ein bisschen dämlich vor und als hätte er definitiv etwas falsch gemacht - dabei war es bestimmt nicht der zerschnittene Schal, den er zu verantworten hatte, sondern vielmehr seine Laune, die er nicht sonderlich gut hatte verstecken können. Das war es, was ihm peinlich war, aber was auch alles andere an der Situation informiert hatte.
Als Howell schließlich doch aufstand, hatte er jedoch keinerlei Glück. Vielmehr passierte sogar das, von dem er gehofft hatte, es würde nicht passieren: kaum hatte er die Tür geöffnet, befand er sich auch schon quasi von Angesicht zu Angesicht mit Finnian. Einen Moment lang starrten sie einander nur an - Finnian in ordentlichen Klamotten, Howell in Unterhemd und den Schwimmshorts, die er manchmal als Schlafhose zweckentfremdete (er war nicht so gut im Wäsche waschen und Verzweiflung macht kreativ oder so), auf der grelle Hibiscus-Blüten abgebildet waren. Pink auf Blau. "Morgen", entfuhr es Howell verspätet, da hatte sich Finnian bereits wieder in Bewegung gesetzt und Howell starrte ihm, sich am Kopf kratzend, etwas ratlos hinterher. Nach kurzem Zögern folgte er dem Zähneputzenden aber einfach bis zum Badezimmer, dessen Tür weit offen stand, sodass Howell noch etwas tapsig und zerstreut einfach hinten drein lief, so wie er es auch bei Callum gemacht hätte. Privatsphäre brauchte man seiner Meinung nach beim Zähneputzen nicht, und da er Fin sowieso hatte erwischen wollen, konnte er das genauso gut auch hier machen. Beim Zähneputzen. "Bist du schon lange wach?", plauderte er sogleich drauf los, als wenn er selbst nicht schon seit acht Uhr im Bett Löcher in die Luft gestarrt hätte.
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Kira
Ein hartnäckiger Schmerz hatte sich in seinem Nacken eingenistet; das hatte er bereits unter der Dusche feststellen müssen, als er den Kopf in den warmen Wasserstrahl zurückgelegt hatte. Glücklicherweise blitzte dieses Ziehen in der Muskulatur jedoch nur dann auf, wenn er einen denkbar ungünstigen Winkel erwischte, etwa beim vorsichtigen Blick nach links oder einem vagen Starren gen Zimmerdecke. Von diesem Leiden einmal abgesehen schien er den gestrigen Abend glimpflich überstanden zu haben, denn der Kater hielt sich in respektablen Grenzen, auch wenn er eine minimale Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen verspürte und sich eine leise Restübelkeit in seinen Eingeweiden verkeilt zu haben schien. Es war jedoch bei weitem nicht so schlimm, dass er die drastische Maßnahme hätte ergreifen müssen, sich den Finger in den Hals zu stecken, um die alkoholgeschwängerten Überreste seines Mageninhalts ans Licht zu befördern. Kurz gesagt: wenn man einmal von den verräterischen, blassen Schatten unter seinen Augen absah, die er nun kritisch im Spiegel inspizierte, machte er einen erstaunlich fitten Eindruck, was auch bitter nötig war, da er in wenigen Stunden bereits im Buchladen zu stehen hatte und den Kunden sein strahlendstes Verkäuferlächeln präsentieren musste. Der Arbeit am Wochenende mochte etwas groteskes anhaften, doch nach all den Jahren, die er nun bereits im Einzelhandel jobbte, hatte er sich längst an diesen Ablauf gewöhnt.
Lustlos schrubbte er sich die Zähne, wobei er versuchte, den fahlen Geschmack auf seiner Zunge mit der brennenden Frische von Pfefferminz zu vertreiben, und hielt erst inne, als Howell ihm wie ein zweiter Schatten ins Badezimmer folgte. Finnians Augen rollten im Schädel zur Seite, um seinen Mitbewohner flüchtig aus dem Augenwinkel zu mustern, bevor sie wieder nach vorne schnellten, damit er sich stur auf sein eigenes Spiegelbild konzentrieren konnte. Der Mann schien wahrlich keinen Sinn für Privatsphäre zu besitzen; zwar war das Zähneputzen an sich keineswegs in irgendeiner Form ein intimer Akt, doch Finnian fühlte sich in seiner morgendlichen Routine empfindlich gestört, bemühte sich allerdings, dem anderen nicht grollend gegenüberzutreten, schließlich war ihm dieses Verhalten in den vergangenen Wochen schon des öfteren aufgefallen: manchmal verhielt sich Howell wie ein Entenküken, das dem nächstbesten Wesen hinterherlief, auf das es geprägt worden war — und mangels anderer Mitbewohner war das heute wohl Finnian. Sollte Howell jedoch die Absicht hegen, die Toilette oder gar die Dusche zu beanspruchen, während er hier noch stand, würde er zweifellos den Seifenspender nach ihm werfen.
Nachdem er die Mischung aus Speichel und Zahnpasta ins Becken gespuckt und sich den Mund sorgfältig ausgespült hatte, trocknete er sich mit langsamen Bewegungen die Hände ab und schüttelte den Kopf. „Bin eben erst aufgestanden“, murmelte er, obwohl er vermutlich gar nicht mehr so aussah; vielmehr erweckte er den Anschein, jeden Moment aus der Wohnung hetzen zu wollen, obwohl seine Schicht ihn nicht vor drei Uhr nachmittags auf die Straßen scheuchen würde; einzig das feuchte Haar, das ihm teilweise in wirren Locken in die Stirn fiel, verriet, dass er den Tag gerade erst frisch in Angriff genommen hatte. Er warf Howell flüchtig einen unschlüssigen Blick zu und öffnete bereits den Mund, um eine Bemerkung darüber fallen zu lassen, wie der Waliser in dieser Aufmachung nicht vor Kälte zittern konnte, schluckte die Worte dann aber unausgesprochen runter, weil nicht jeder so ein Frostbeutel war wie er selbst. „Willst du schwimmen gehen?“, fragte er stattdessen, die bunt gemusterte Badeshorts dabei prüfend beäugend, und hoffte inständig, dass Howell nicht so lebensmüde war, wie er ihn in diesem Augenblick einschätzte. Für derartige Aktivitäten war es schlichtweg noch viel zu kalt. „Darf ich?“, setzte er nach und deutete an Howell vorbei zur Tür, durch die er sich im nächsten Moment geschickt zwischen dem Blonden und dem Rahmen hindurchzwängte. In der Küche angekommen, verharrte er einen Moment ratlos. Hunger verspürte er keinen, das tat er selten am Morgen, darum verzichtete er für gewöhnlich auf Frühstück; so auch jetzt. Ein Tee vielleicht?
„He, willst du— Herrgott!“, schnaufte Finnian plötzlich auf und fuhr vor Schreck förmlich in sich zusammen, als er sich aus der Küchenzeile lehnte und fast frontal mit Howell kollidierte. Für einen Kerl seiner Statur bewegte sich der andere manchmal viel zu leise. Entrüstet presste Finnian die flache Hand auf sein heftig flatterndes Herz und wich einen Schritt zurück, während er versuchte, seinen Puls zu beruhigen. „Willst du einen Tee?“, wiederholte er keuchend, bemüht, die Fassung wiederzuerlangen, „oder vielleicht einen Kaffee?“ Oder ein Glöckchen um den Hals? Er versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie peinlich es ihm war, dass seine Stimme vor Schreck eine Oktave nach oben gerutscht war, rieb sich beschämt mit dem Handrücken über die Wange und wandte sich dem Wasserkocher zu, den er sich schnappte, um ihn mit Wasser zu füllen. „Gehts dir besser?“, fragte er dabei vollkommen unbekümmert, ohne Howell direkt anzusehen. Er meinte sich noch ganz gut an dessen verstimmtes Gemüt von letzter Nacht erinnern zu können; es hatte sich in seinem Hirn festgesetzt wie ein Splitter unter der Haut. Völlig blind rührte er in seiner Unbekümmertheit in einer Wunde, die den anderen womöglich verletzte, die ihn womöglich überhaupt nichts anging. Diese Erkenntnis sickerte nur langsam zu ihm durch, während er beobachtete, wie sich der Wasserkocher langsam unter dem Wasserhahn zu füllen begann. Schließlich traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht; seine Augen weiteten sich fast panisch, als er das Wasser abstellte. „Ich meine... besser im Sinne von gut. Geht es dir gut? Also, hast du gut geschlafen?“ Die Worte stolperten ihm über die Lippen, verhedderten sich dabei fast in einem unentwirrbaren Knäuel. „Du siehst aus, als hättest du gut geschlafen“, setzte er hastig nach, hielt dann jedoch inne, den gefüllten Wasserkocher inzwischen wie einen Fremdkörper in der Luft haltend. „Du siehst ausgeruht aus, das meinte ich. Nicht, dass du das vorher nicht getan hättest, das hast du natürlich! Also gestern! Also—!“ Zu fest knallte er das Gerät auf die Basisstation, woraufhin das Kontrolllämpchen triumphierend aufleuchtete. In einer wachsenden Panik, die aus seiner eigenen sozialen Unbeholfenheit gespeist wurde, suchte sein Verstand verzweifelt nach einem Rettungsanker. Fuck, fuck, fuck! „Wieso schläfst du in Schwimmshorts?“ Der Richtungswechsel in seinem Geplapper erfolgte so drastisch und ohne jede Vorwarnung, dass man das metaphorische Quietschen seiner Gedanken förmlich hören konnte, während sie eine rabiate Kehrtwende vollzogen.
Lustlos schrubbte er sich die Zähne, wobei er versuchte, den fahlen Geschmack auf seiner Zunge mit der brennenden Frische von Pfefferminz zu vertreiben, und hielt erst inne, als Howell ihm wie ein zweiter Schatten ins Badezimmer folgte. Finnians Augen rollten im Schädel zur Seite, um seinen Mitbewohner flüchtig aus dem Augenwinkel zu mustern, bevor sie wieder nach vorne schnellten, damit er sich stur auf sein eigenes Spiegelbild konzentrieren konnte. Der Mann schien wahrlich keinen Sinn für Privatsphäre zu besitzen; zwar war das Zähneputzen an sich keineswegs in irgendeiner Form ein intimer Akt, doch Finnian fühlte sich in seiner morgendlichen Routine empfindlich gestört, bemühte sich allerdings, dem anderen nicht grollend gegenüberzutreten, schließlich war ihm dieses Verhalten in den vergangenen Wochen schon des öfteren aufgefallen: manchmal verhielt sich Howell wie ein Entenküken, das dem nächstbesten Wesen hinterherlief, auf das es geprägt worden war — und mangels anderer Mitbewohner war das heute wohl Finnian. Sollte Howell jedoch die Absicht hegen, die Toilette oder gar die Dusche zu beanspruchen, während er hier noch stand, würde er zweifellos den Seifenspender nach ihm werfen.
Nachdem er die Mischung aus Speichel und Zahnpasta ins Becken gespuckt und sich den Mund sorgfältig ausgespült hatte, trocknete er sich mit langsamen Bewegungen die Hände ab und schüttelte den Kopf. „Bin eben erst aufgestanden“, murmelte er, obwohl er vermutlich gar nicht mehr so aussah; vielmehr erweckte er den Anschein, jeden Moment aus der Wohnung hetzen zu wollen, obwohl seine Schicht ihn nicht vor drei Uhr nachmittags auf die Straßen scheuchen würde; einzig das feuchte Haar, das ihm teilweise in wirren Locken in die Stirn fiel, verriet, dass er den Tag gerade erst frisch in Angriff genommen hatte. Er warf Howell flüchtig einen unschlüssigen Blick zu und öffnete bereits den Mund, um eine Bemerkung darüber fallen zu lassen, wie der Waliser in dieser Aufmachung nicht vor Kälte zittern konnte, schluckte die Worte dann aber unausgesprochen runter, weil nicht jeder so ein Frostbeutel war wie er selbst. „Willst du schwimmen gehen?“, fragte er stattdessen, die bunt gemusterte Badeshorts dabei prüfend beäugend, und hoffte inständig, dass Howell nicht so lebensmüde war, wie er ihn in diesem Augenblick einschätzte. Für derartige Aktivitäten war es schlichtweg noch viel zu kalt. „Darf ich?“, setzte er nach und deutete an Howell vorbei zur Tür, durch die er sich im nächsten Moment geschickt zwischen dem Blonden und dem Rahmen hindurchzwängte. In der Küche angekommen, verharrte er einen Moment ratlos. Hunger verspürte er keinen, das tat er selten am Morgen, darum verzichtete er für gewöhnlich auf Frühstück; so auch jetzt. Ein Tee vielleicht?
„He, willst du— Herrgott!“, schnaufte Finnian plötzlich auf und fuhr vor Schreck förmlich in sich zusammen, als er sich aus der Küchenzeile lehnte und fast frontal mit Howell kollidierte. Für einen Kerl seiner Statur bewegte sich der andere manchmal viel zu leise. Entrüstet presste Finnian die flache Hand auf sein heftig flatterndes Herz und wich einen Schritt zurück, während er versuchte, seinen Puls zu beruhigen. „Willst du einen Tee?“, wiederholte er keuchend, bemüht, die Fassung wiederzuerlangen, „oder vielleicht einen Kaffee?“ Oder ein Glöckchen um den Hals? Er versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie peinlich es ihm war, dass seine Stimme vor Schreck eine Oktave nach oben gerutscht war, rieb sich beschämt mit dem Handrücken über die Wange und wandte sich dem Wasserkocher zu, den er sich schnappte, um ihn mit Wasser zu füllen. „Gehts dir besser?“, fragte er dabei vollkommen unbekümmert, ohne Howell direkt anzusehen. Er meinte sich noch ganz gut an dessen verstimmtes Gemüt von letzter Nacht erinnern zu können; es hatte sich in seinem Hirn festgesetzt wie ein Splitter unter der Haut. Völlig blind rührte er in seiner Unbekümmertheit in einer Wunde, die den anderen womöglich verletzte, die ihn womöglich überhaupt nichts anging. Diese Erkenntnis sickerte nur langsam zu ihm durch, während er beobachtete, wie sich der Wasserkocher langsam unter dem Wasserhahn zu füllen begann. Schließlich traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht; seine Augen weiteten sich fast panisch, als er das Wasser abstellte. „Ich meine... besser im Sinne von gut. Geht es dir gut? Also, hast du gut geschlafen?“ Die Worte stolperten ihm über die Lippen, verhedderten sich dabei fast in einem unentwirrbaren Knäuel. „Du siehst aus, als hättest du gut geschlafen“, setzte er hastig nach, hielt dann jedoch inne, den gefüllten Wasserkocher inzwischen wie einen Fremdkörper in der Luft haltend. „Du siehst ausgeruht aus, das meinte ich. Nicht, dass du das vorher nicht getan hättest, das hast du natürlich! Also gestern! Also—!“ Zu fest knallte er das Gerät auf die Basisstation, woraufhin das Kontrolllämpchen triumphierend aufleuchtete. In einer wachsenden Panik, die aus seiner eigenen sozialen Unbeholfenheit gespeist wurde, suchte sein Verstand verzweifelt nach einem Rettungsanker. Fuck, fuck, fuck! „Wieso schläfst du in Schwimmshorts?“ Der Richtungswechsel in seinem Geplapper erfolgte so drastisch und ohne jede Vorwarnung, dass man das metaphorische Quietschen seiner Gedanken förmlich hören konnte, während sie eine rabiate Kehrtwende vollzogen.
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chulia
Bin eben erst aufgestanden.
"Hä, ischauch, isch liewe solsche Schufälle!" Howell machte sich nicht die Mühe, erst die Zahnpasta auszuspucken oder die Bürste aus dem Mund zu nehmen, um auf Finnian zu antworten. Nur zu lächeln war beim Zähneputzen etwas schwer, beziehungsweise hielt er seinen Mund sowieso dabei schon in einer Stellung, die einem Grinsen ähnelte, sodass es sinnlos war, zu versuchen, noch breiter zu grinsen, aber auch so klang Howell nicht nur sehr schaumig, sondern auch fröhlich. Es war ja auch nicht gelogen, aufgestanden war er gerade erst, auch wenn er schon seit Stunden wach lag und überlegte, wie er Fin am besten ansprechen sollte.
Letzten Endes hätte er sich jedoch gar nicht so viele Gedanken machen brauchen - natürlich nicht! -, denn das Zähneputzen musste man Morgens und Abends ja sowieso machen, und das bot sich doch direkt an, um ein bisschen Kontakt zu dem anderen zu suchen und ja, ihm schließlich auch hinterher zu dackeln. Wobei er einen Moment länger als Finnian benötigte, um aus dem Bad zu kommen. Das lag eindeutig nicht nur daran, dass er erst später als er mit dem Zähneputzen angefangen hatte, sondern auch, weil er irritiert seine Hose betrachtete, als Fin fragte, ob er schwimmen gehen wollte, aber sobald er antworten wollte, hatte sich der andere auch schon abgewendet und ihn mit einem gemurmelten Darf ich? beiseite und sich selbst aus der Tür geschoben. Meine Güte, der hatte es aber eilig.
Howell spülte seinen Mund mit Wasser aus und spritzte die Zahnpastareste mit fließendem Wasser vom Keramik des Waschbeckens, dann trocknete er sich die Hände ab und tapste Finnian in die Küche hinterher. Er hatte wirklich nicht vorgehabt, sich beim anderen anzuschleichen, aber als der sich in Richtung Badezimmer zu lehnen versuchte, stand Howell irgendwie schon dort und ruckte leicht mit dem Kopf zurück, damit nicht sie beide nicht vollends miteinander kollidierten. Während Finnian jedoch verschreckt wirkte, musste Howell auflachen und rieb sich dann verlegen mit der breiten Hand über den brennenden Nacken. "Mann, bist du aber schreckhaft." Gut, die Wohnung war auch ziemlich klein. Wenn alle vier Mitbewohner beispielsweise die Küche betreten wollten, wurde es echt schwierig, außer man setzte sich an den runden, unter die Dachschräge geklemmten Holztisch. Im Stehen war es beinahe unmöglich, nicht übereinander zu stolpern, selbst wenn man schmaler und kleiner als Howell gebaut war, der zugegebenermaßen auch mit seiner offenen, sonnigen Art und seinem stabil gebauten Körper nicht nur gute Laune verbreitete, sondern auch schamlos Platz einnahm, der anderen dann gern mal fehlte. Beispielsweise wie Finnian, der nun einen Schritt zurück wich und ihm schnell was zu trinken anbot. "Kaffee wäre nice. Aber lass mich doch helfen." Howell schob sich an Finnian vorbei, der sich dem Wasserkocher zuwandte, sich um diesen kümmerte wie um einen Säugling, der nicht aus den Augen gelassen werden durfte, und holte zwei Tassen aus dem Schrank. Eine war schlumpfblau und kugelrund, die andere war eine moosgrüne Tasse mit dem Logo irgendeines Londoner Hockeyteams drauf.
Währenddessen begann Finnian sich zu verhaspeln, und Howell scheute jedwede Mühe, ihn von seinem Elend zu befreien. Statt ihm verbal auszuhelfen, sah man ihm sogar an, dass es ihn sogar amüsierte, wenn der andere sich verhaspelte, auch wenn diesem das unglaublich peinlich zu sein schien, so fahrig wie sein Blick von ihm zum Wasserkocher und zurück zuckte, während er irgendwie versuchte, etwas zu sagen, das Howell genau genommen auch schon beim ersten Mal richtig verstanden hatte, als es in den falschen Hals zu kriegen. Aber da es lustiger war, den anderen ein wenig zu triezen, grinste der Möchtegern-Comedian breit und wischte sich eitel die nicht vorhandene Löwenmähne aus dem Nacken, zwitschernd: "Meine Güte, so viele Komplimente heute Morgen, da könnte ich mich ja glatt dran gewöhnen." Ihm ging es eindeutig besser, er konnte wieder Witze machen, von seiner Brust hatte sich ein enormer Druck gelöst, nur ein klein wenig beschämt hätte er sein können, eben weil sowohl er als auch Finn sich an gestern Nacht erinnerten und somit seine miese Laune nicht vergessen war. Aber tatsächlich fühlte sich Howell auch in diesem Punkt nicht bedrängt oder als müsste er Finn irgendetwas beweisen. "Krass, dass du dich überhaupt an gestern erinnern kannst. Wenn ich das richtig mitbekommen hab, warst du echt giga betrunken. Beneidenswert betrunken." Aus Howells Mund klang das tatsächlich anerkennend, wie als würde er Finnian mit dem Spruch würdigen wollen. "Mir geht's besser, ja ..." Er wollte noch mehr sagen, aber Finnian unterbrach sowohl sich selbst als auch Howell, indem er ihn regelrecht verzweifelt nach seinen Schwimmshorts fragte, und warum er bitte in denen schlief. "Äh ... Sie waren halt zur Hand", antwortete Howell verblüfft, bevor er an sich hinab blickte und leicht mit den Knien wackelte. "Ist nicht verboten, oder?"
"Hä, ischauch, isch liewe solsche Schufälle!" Howell machte sich nicht die Mühe, erst die Zahnpasta auszuspucken oder die Bürste aus dem Mund zu nehmen, um auf Finnian zu antworten. Nur zu lächeln war beim Zähneputzen etwas schwer, beziehungsweise hielt er seinen Mund sowieso dabei schon in einer Stellung, die einem Grinsen ähnelte, sodass es sinnlos war, zu versuchen, noch breiter zu grinsen, aber auch so klang Howell nicht nur sehr schaumig, sondern auch fröhlich. Es war ja auch nicht gelogen, aufgestanden war er gerade erst, auch wenn er schon seit Stunden wach lag und überlegte, wie er Fin am besten ansprechen sollte.
Letzten Endes hätte er sich jedoch gar nicht so viele Gedanken machen brauchen - natürlich nicht! -, denn das Zähneputzen musste man Morgens und Abends ja sowieso machen, und das bot sich doch direkt an, um ein bisschen Kontakt zu dem anderen zu suchen und ja, ihm schließlich auch hinterher zu dackeln. Wobei er einen Moment länger als Finnian benötigte, um aus dem Bad zu kommen. Das lag eindeutig nicht nur daran, dass er erst später als er mit dem Zähneputzen angefangen hatte, sondern auch, weil er irritiert seine Hose betrachtete, als Fin fragte, ob er schwimmen gehen wollte, aber sobald er antworten wollte, hatte sich der andere auch schon abgewendet und ihn mit einem gemurmelten Darf ich? beiseite und sich selbst aus der Tür geschoben. Meine Güte, der hatte es aber eilig.
Howell spülte seinen Mund mit Wasser aus und spritzte die Zahnpastareste mit fließendem Wasser vom Keramik des Waschbeckens, dann trocknete er sich die Hände ab und tapste Finnian in die Küche hinterher. Er hatte wirklich nicht vorgehabt, sich beim anderen anzuschleichen, aber als der sich in Richtung Badezimmer zu lehnen versuchte, stand Howell irgendwie schon dort und ruckte leicht mit dem Kopf zurück, damit nicht sie beide nicht vollends miteinander kollidierten. Während Finnian jedoch verschreckt wirkte, musste Howell auflachen und rieb sich dann verlegen mit der breiten Hand über den brennenden Nacken. "Mann, bist du aber schreckhaft." Gut, die Wohnung war auch ziemlich klein. Wenn alle vier Mitbewohner beispielsweise die Küche betreten wollten, wurde es echt schwierig, außer man setzte sich an den runden, unter die Dachschräge geklemmten Holztisch. Im Stehen war es beinahe unmöglich, nicht übereinander zu stolpern, selbst wenn man schmaler und kleiner als Howell gebaut war, der zugegebenermaßen auch mit seiner offenen, sonnigen Art und seinem stabil gebauten Körper nicht nur gute Laune verbreitete, sondern auch schamlos Platz einnahm, der anderen dann gern mal fehlte. Beispielsweise wie Finnian, der nun einen Schritt zurück wich und ihm schnell was zu trinken anbot. "Kaffee wäre nice. Aber lass mich doch helfen." Howell schob sich an Finnian vorbei, der sich dem Wasserkocher zuwandte, sich um diesen kümmerte wie um einen Säugling, der nicht aus den Augen gelassen werden durfte, und holte zwei Tassen aus dem Schrank. Eine war schlumpfblau und kugelrund, die andere war eine moosgrüne Tasse mit dem Logo irgendeines Londoner Hockeyteams drauf.
Währenddessen begann Finnian sich zu verhaspeln, und Howell scheute jedwede Mühe, ihn von seinem Elend zu befreien. Statt ihm verbal auszuhelfen, sah man ihm sogar an, dass es ihn sogar amüsierte, wenn der andere sich verhaspelte, auch wenn diesem das unglaublich peinlich zu sein schien, so fahrig wie sein Blick von ihm zum Wasserkocher und zurück zuckte, während er irgendwie versuchte, etwas zu sagen, das Howell genau genommen auch schon beim ersten Mal richtig verstanden hatte, als es in den falschen Hals zu kriegen. Aber da es lustiger war, den anderen ein wenig zu triezen, grinste der Möchtegern-Comedian breit und wischte sich eitel die nicht vorhandene Löwenmähne aus dem Nacken, zwitschernd: "Meine Güte, so viele Komplimente heute Morgen, da könnte ich mich ja glatt dran gewöhnen." Ihm ging es eindeutig besser, er konnte wieder Witze machen, von seiner Brust hatte sich ein enormer Druck gelöst, nur ein klein wenig beschämt hätte er sein können, eben weil sowohl er als auch Finn sich an gestern Nacht erinnerten und somit seine miese Laune nicht vergessen war. Aber tatsächlich fühlte sich Howell auch in diesem Punkt nicht bedrängt oder als müsste er Finn irgendetwas beweisen. "Krass, dass du dich überhaupt an gestern erinnern kannst. Wenn ich das richtig mitbekommen hab, warst du echt giga betrunken. Beneidenswert betrunken." Aus Howells Mund klang das tatsächlich anerkennend, wie als würde er Finnian mit dem Spruch würdigen wollen. "Mir geht's besser, ja ..." Er wollte noch mehr sagen, aber Finnian unterbrach sowohl sich selbst als auch Howell, indem er ihn regelrecht verzweifelt nach seinen Schwimmshorts fragte, und warum er bitte in denen schlief. "Äh ... Sie waren halt zur Hand", antwortete Howell verblüfft, bevor er an sich hinab blickte und leicht mit den Knien wackelte. "Ist nicht verboten, oder?"
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Kira
Woher Howell morgens die Energie nahm, so früh schon so aufgedreht zu sein, war ein Rätsel, das Finnian bisher nicht hatte lösen können, und das ihm nach wie vor ein befremdliches Gefühl in die Brust trieb, wann immer die schiere Lautstärke und die ungebremste Euphorie, mit der die Worte über die Lippen des Älteren polterten, zu solch einer Intensität anschwollen, dass sie den gesamten Raum mit ihrem Volumen zu beanspruchen schienen. Irgendwie erdrückend, gleichzeitig bewundernswert, wenn man anderes gewohnt war. Unter Andrews Dach hatte es meistens nur eisiges Schweigen gegeben, ein flüchtiger Blick, ein karges Nicken der Kenntnisnahme am Frühstückstisch als Bestätigung dafür, dass der jeweils andere noch existierte und nicht stillschweigend im Schlaf verschieden war. Eine distanzierte Form der Höflichkeit, nicht unähnlich dem flüchtigen Gruß, den man einem Fremden an einer verregneten Bushaltestelle zukommen lässt: vollkommen unverbindlich. Auch Oliver war kein Morgenmensch gewesen; sie hatten oft in einvernehmlicher Stille in der Küche gesessen, sofern die unerbittlichen Rhythmen des Schichtdienstes es überhaupt zugelassen hatten, denn meist war Oliver bereits verschwunden, bevor Finnian sich aus dem Bett bequemen konnte, oder er kehrte gerade erst heim, um in einen tiefen Erschöpfungsschlaf zu sinken. Entsprechend deplatziert und beinahe schutzlos fühlte sich Finnian nun, während Howell mit einer beachtlichen Menge Zahnpastaschaum im Mund unbeirrt auf ihn einredete und dabei eine Lebendigkeit verströmte, für die in Finnians eigenem, staubigen inneren Mausoleum kaum noch Platz vorhanden war. Er brachte es allerdings nicht übers Herz, deswegen wütend zu werden, denn ein solcher Groll hätte sich wie ein verräterischer Akt gegen seine eigene Menschlichkeit angefühlt. Wie grausam wäre es schließlich gewesen, Howell für seine Lebensfreude zu kritisieren? Jegliche Irritation darüber, die seiner Meinung ohnehin fehl am Platz war, sperrte er also weg, so wie er alle wegsperrte, dass ihm unangenehm war oder sich schlicht falsch anfühlte, und verschwand dann aus dem Badezimmer, das sich im Beisein seines Mitbewohners wie der Schal von letzter Nacht anfühlte: viel zu eng und irgendwie luftabschnürend.
Mann, bist du aber schreckhaft. Hätte Finnian nicht längst peinlich berührt den Blick abgewandt, hätte er es spätestens bei diesen Worten getan. Unter seiner Haut kribbelte es unangenehm heiß und er wusste nicht, ob das allein seiner erniedrigenden Reaktion zu verdanken war, die ihm die Schamesröte ins Gesicht zeichnete, oder das tiefsitzende Unwohlsein, das sich wie eine Löschdecke über die züngelnden Flammen der Peinlichkeit legte und sie in einer stumpfen, beinah gnädigen Taubheit erstickte. „Ich bin nicht schreckhaft“, murmelte er leise, die Worte mehr an sich selbst als an Howell richtend, während seine Stimme irgendwo zwischen dem gleichmäßigen Rauschen des Wassers und dem geschäftigen Treiben seines Mitbewohners verklang, der sich an einem der Küchenschränken bediente. Dass sein gesamtes Verhalten in diesem Moment das genaue Gegenteil seiner trotzigen Behauptung bewiesen hatte, war eine bittere Ironie, die er jedoch lieber tief in sich verschloss, während er versuchte, seine Fassung mühsam wieder zusammenzusammeln.
Howell sprach von Komplimenten, währenddessen widmete Finnian seine Aufmerksamkeit zunächst der pragmatischen Auswahl der Tassen, hob jedoch schließlich mit einer Mischung aus Skepsis und Amüsement den Blick, als die Sprache auf seinen Zustand in der vergangenen Nacht kam. Giga betrunken. Dieser Begriff hallte in seinem Kopf nach wie eine linguistische Kuriosität, die er in einem echten Gespräch noch nie zuvor aufgeschnappt hatte, und obwohl er die Bedeutung instinktiv begriff, verweigerte sein Sprachgefühl diesem Wort jegliche Gastfreundschaft. „Giga…?“ Auf seiner Zunge fühlte es sich schwer und unförmig an; er behandelte es wie ein Objekt mit scharfen Kanten, das ihm in den Gaumen schnitt, doch immerhin lenkte es von dem kleinen Panikschub wenige Sekunden zuvor ab, der ihn dazu verleitet hatte, den Wasserkocher viel zu energisch zurück auf die Arbeitsfläche zu schmettern. „Ich war nicht giga betrunken“, konterte er und griff Howells sonderbare Ausdrucksweise auf, ließ den anderen dabei die imaginären Anführungsstriche in seiner Stimme hören, die zwischen ihnen in der Luft zu schweben schienen, „höchstens angetrunken.“ Gut, um fair zu bleiben: er war vielleicht etwas mehr als bloß angetrunken gewesen, aber immerhin nicht sturzbesoffen, so wie es sich sein Mitbewohner gerade einzureden versuchte. „Wieso, wärs dir lieber, ich hätte ein paar Dinge vergessen?“ Er grinste schief, als sein Blick den von Howell streifte, bevor seine antrainierte Nüchternheit wieder übernahm und ihm diese Regung restlos aus dem Gesicht wischte, während er mit einem Anflug von Befremdung Howells schlotternde Knie in den weiten Shorts betrachtete. „Nein, das wohl nicht“, setzte er nachdenklich an und vollendete den Gedanken mit einem gleichmütigen Schulterzucken. „Aber ist das nicht ungemütlich?“ Vielleicht hegte aber auch nur er eine solche Antipathie gegenüber diesem merkwürdigen, raschelnden Stoff, aus dem Badeshorts gemacht waren. Einer von zu vielen Gründen, wieso man ihn niemals, unter gar keinen Umständen, in so einem Ding antreffen würde.
Mann, bist du aber schreckhaft. Hätte Finnian nicht längst peinlich berührt den Blick abgewandt, hätte er es spätestens bei diesen Worten getan. Unter seiner Haut kribbelte es unangenehm heiß und er wusste nicht, ob das allein seiner erniedrigenden Reaktion zu verdanken war, die ihm die Schamesröte ins Gesicht zeichnete, oder das tiefsitzende Unwohlsein, das sich wie eine Löschdecke über die züngelnden Flammen der Peinlichkeit legte und sie in einer stumpfen, beinah gnädigen Taubheit erstickte. „Ich bin nicht schreckhaft“, murmelte er leise, die Worte mehr an sich selbst als an Howell richtend, während seine Stimme irgendwo zwischen dem gleichmäßigen Rauschen des Wassers und dem geschäftigen Treiben seines Mitbewohners verklang, der sich an einem der Küchenschränken bediente. Dass sein gesamtes Verhalten in diesem Moment das genaue Gegenteil seiner trotzigen Behauptung bewiesen hatte, war eine bittere Ironie, die er jedoch lieber tief in sich verschloss, während er versuchte, seine Fassung mühsam wieder zusammenzusammeln.
Howell sprach von Komplimenten, währenddessen widmete Finnian seine Aufmerksamkeit zunächst der pragmatischen Auswahl der Tassen, hob jedoch schließlich mit einer Mischung aus Skepsis und Amüsement den Blick, als die Sprache auf seinen Zustand in der vergangenen Nacht kam. Giga betrunken. Dieser Begriff hallte in seinem Kopf nach wie eine linguistische Kuriosität, die er in einem echten Gespräch noch nie zuvor aufgeschnappt hatte, und obwohl er die Bedeutung instinktiv begriff, verweigerte sein Sprachgefühl diesem Wort jegliche Gastfreundschaft. „Giga…?“ Auf seiner Zunge fühlte es sich schwer und unförmig an; er behandelte es wie ein Objekt mit scharfen Kanten, das ihm in den Gaumen schnitt, doch immerhin lenkte es von dem kleinen Panikschub wenige Sekunden zuvor ab, der ihn dazu verleitet hatte, den Wasserkocher viel zu energisch zurück auf die Arbeitsfläche zu schmettern. „Ich war nicht giga betrunken“, konterte er und griff Howells sonderbare Ausdrucksweise auf, ließ den anderen dabei die imaginären Anführungsstriche in seiner Stimme hören, die zwischen ihnen in der Luft zu schweben schienen, „höchstens angetrunken.“ Gut, um fair zu bleiben: er war vielleicht etwas mehr als bloß angetrunken gewesen, aber immerhin nicht sturzbesoffen, so wie es sich sein Mitbewohner gerade einzureden versuchte. „Wieso, wärs dir lieber, ich hätte ein paar Dinge vergessen?“ Er grinste schief, als sein Blick den von Howell streifte, bevor seine antrainierte Nüchternheit wieder übernahm und ihm diese Regung restlos aus dem Gesicht wischte, während er mit einem Anflug von Befremdung Howells schlotternde Knie in den weiten Shorts betrachtete. „Nein, das wohl nicht“, setzte er nachdenklich an und vollendete den Gedanken mit einem gleichmütigen Schulterzucken. „Aber ist das nicht ungemütlich?“ Vielleicht hegte aber auch nur er eine solche Antipathie gegenüber diesem merkwürdigen, raschelnden Stoff, aus dem Badeshorts gemacht waren. Einer von zu vielen Gründen, wieso man ihn niemals, unter gar keinen Umständen, in so einem Ding antreffen würde.
